Friedlicher Protest: Ein Großaufgebot der Polizei sorgtefür Ruhe und verhinderte Ausschreitungen. © Masiello/pa, dpa
Auf einen Ratsch mit Obama: Alois Kramer. © Kornatz
Gab seine Wiese fürs Protestcamp her: Bernhard Raubal.
Dieses Bild ging um die Welt: Angela Merkel und Barack Obama unter vier Augen im Schlosspark. © Kappeler/pa
Krün – Wenn jemand Alois Kramer fragt, was er vor zehn Jahren gemacht hat, wird er eine außergewöhnliche Antwort bekommen. Denn am 7. Juni 2015 saß der Landwirt aus Krün auf einen Ratsch mit dem US-Präsidenten zusammen. Seite an Seite mit Barack Obama beim legendären Weißwurstfrühstück zum Auftakt des G7-Gipfels in Schloss Elmau: „Wir haben mindestens 15 Minuten miteinander gesprochen“, erinnert sich Kramer. Über die Geschichte des Dorfes, die Tracht der Frauen, die Arbeit der Bauern und das Handelsabkommen TTIP. Sehr interessiert sei Obama gewesen, charismatisch und freundlich. Ein Gespräch, das für den Krüner unvergesslich bleibt.
Die idyllischen Bilder – Berge, Sonne, weiß-blauer Himmel – stehen symbolisch für den ganzen G7-Gipfel, der am 7. und 8. Juni 2015 stattfand. Zu dem Treffen der Staats- und Regierungschefs kam Bundeskanzlerin Angela Merkel mit François Hollande (Frankreich), David Cameron (UK), Stephen Harper (Kanada), Shinzo Abe (Japan), Matteo Renzi (Italien) und eben Barack Obama zusammen. Russlands Präsident Wladimir Putin war ursprünglich eingeplant, bekam nach der Annexion der Krim aber keine Einladung mehr.
Das erklärt, warum noch vom G8-Gipfel die Rede war, als Merkel am 23. Januar 2014 die frohe Botschaft für Elmau verkündet. Es folgen 17 Monate intensivster Vorbereitungen für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen, für den es Digitalfunk, neue Straßen und Feuerwehrautos gibt. Investitionen von 40 Millionen Euro fließen. Am Ende werden die Kosten für den zweitägigen Gipfel bei mehr als 200 Millionen Euro liegen. „Der Arbeitsaufwand war enorm“, sagt Landrat Anton Speer (Freie Wähler), der zu dieser Zeit sogar ein Klappbett im Büro stehen hat. An bis zu 100 Arbeitsstunden pro Woche und mehr als 60 Telefonate pro Tag erinnert sich Krüns Bürgermeister Thomas Schwarzenberger (CSU). Beide sind gestandene Mannsbilder, fest mit der Heimat verbunden – und haben es plötzlich mit der Weltpolitik zu tun. Das Aufeinandertreffen mit den Politikern, die Gespräche, das Erlebte: „Das war schon eine ganz besondere Zeit“, erinnert sich Speer. Außergewöhnlich, aber halt auch richtig anstrengend. Das Landratsamt muss auch über die mehr als 60 Demonstrationsanträge entscheiden, die es zum Gipfel gibt – eine Mammutaufgabe, die im Schichtdienst gemeistert wird.
Aber es zeigt sich: Die Entscheidung, das Treffen in einem abgelegenen Tal stattfinden zu lassen, zahlt sich aus. Der G8-Gipfel in Heiligendamm war 2007 gezeichnet von schweren Krawallen. G7 in Elmau geht als besonders friedliches Treffen in die Geschichtsbücher ein – bei dem nicht eine Scheibe zu Bruch ging. Die überschaubare Schadensbilanz: Einige Grasflächen waren in Mitleidenschaft gezogen, außerdem erlitt eine Kuh einen Herzinfarkt, als die Hubschrauber ins Tal donnerten.
Apropos Wiese: Die von Bernhard Raubal am Rande von Garmisch-Partenkirchen wurde ebenfalls zu einem Politikum. Dass er sie für das Protestcamp der Gipfelgegner zur Verfügung gestellt hat, kam bei vielen nicht gut an. Das Camp wurde erst verboten, dann vom Verwaltungsgericht wieder erlaubt. Seine Entscheidung von damals bereut Raubal nicht. „Ich setze mich für die Schwächeren, für Minderheiten ein.“ Wer sich ins Camp traute, traf auf nette Menschen, die barfuß, mit Dreadlocks und bunten Gewändern viele Klischees erfüllten. Das Camp überraschte mit seiner Friedlichkeit sogar die Behörden, die für die Gipfeltage 20 000 Polizisten geschickt hatten. Bei der Hauptdemo mit 5000 Teilnehmern musste zwar Pfefferspray eingesetzt werden, es gab aber nur sechs Festnahmen.
Die Bundesregierung war so zufrieden, dass der Gipfel 2022 gleich nochmal im Elmauer Tal abgehalten wurde. 2029 ist Deutschland wieder Gastgeber. Der dritte Streich für Elmau? Das entscheidet am Ende Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). NADJA HOFFMANN