Die bayerischen Toten von Maurepas

von Redaktion

1916 starben 50 Soldaten an der Somme – Historiker sucht ihre Nachkommen

Ein Pioniersoldat aus Brannenburg bei der Bergung.

Geborgene Relikte aus dem Stollen.

Das Dorf Maurepas heute. Unter dem Feld verläuft der verschüttete Stollen. © Hänel

Grab für Millionen: Szene von der Westfront 1916. © Archiv

München – Eigentlich weiß man fast nichts über sie. Nur die Namen. Zum Beispiel Franz Mayr, 1884 geboren in Ismaning, im Ersten Weltkrieg Soldat im Bayerischen Reservepionierbataillon 8, gefallen am 16. August 1916. Oder sein Kamerad Johann Schwarzkugler, geboren 1882 in Dorfen, der mit Mayr in jenem Stollen war, als dieser einen Volltreffer abbekam und einstürzte. War er sofort tot? Man weiß es nicht – ebenso wenig wie näher bekannt ist, wie das Leben von Fritz Forster, geboren 1893 in Bad Tölz, bis zu jenem Tag verlief, an dem er als Soldat an der Westfront starb.

Der Historiker Uwe Hänel aus Grünhainichen im sächsischen Erzgebirge recherchiert seit Jahren zu den Toten im Stollen von Maurepas, heute ein kleines Dorf im Départment Somme/Nordfrankreich, 1916 ein Kriegsschauplatz. Mit Baumstämmen gebaute Unterstände, die tief in die Erde reichten, waren dabei üblich, sagt Hänel. Und in einen krachte an jenem 16. August 1916 eine Granate. Der Stollen stürzte ein, begrub die Soldaten bei lebendigem Leib, zerfetzte manche sofort, weil in dem Stollen gelagerte Munition explodierte, während andere mit der Gasmaske auf dem Kopf vielleicht noch auf Rettung hofften und dann wohl qualvoll unter meterdicken Erdschichten erstickten. Es war ähnlich wie beim 2021 spektakulär gefundenen sogenannten Winterwegtunnel weiter südlich in Frankreich, der 1917 nach einem Granatentreffer ebenfalls einstürzte und zum Grab für geschätzt 250 Soldaten wurde. Im Fall von Maurepas „wissen wir nicht einmal die genaue Zahl der Verschütteten“, sagt Hänel. Das liegt an unterschiedlichen Archivangaben – mal sollen es 48 Soldaten gewesen sein, mal über 50.

Hänel kann sich auf viele Vorarbeiten stützen. Schon Stunden nach dem Einschlag konnten fünf Offiziere geborgen werden, 1953 bei einer Raubgrabung weitere sechs. Die Witwe eines Verschütteten, Georg Gerdeissen aus München, hatte schon 1926 mit dem Bürgermeister den Ort besucht. Im Archiv des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge sind ihre Briefe dokumentiert. Immer wieder bat sie um Bergung der Soldaten, einen Gedenkstein oder ein Kreuz. „Dass ihr Mann einer der wenigen identifizierten Toten bei der Bergung 1969/70 war, hat sie wahrscheinlich nicht mehr erlebt“, sagt Hänel. Damals rückte eine Abordnung des Gebirgspionierbataillons 8 aus Brannenburg an und unternahm in Kooperation mit dem VDK eine Grabung. „Wir sahen, dass der Bau in einem katastrophalen Zustand war“, erzählte einer der Beteiligten, Manfred Becker, 2021 dem „Südkurier“. Zwei Wochen lang drangen die Pioniere Stück für Stück in den Stollen ein, zogen verrottete Baumstämme ans Tageslicht, stießen auf Skelettteile, Ausrüstungsgegenstände wie Helme und mit Grünspan überzogene Schulterstücke. Sogar ein Bajonett und ein Maschinengewehr wurden geborgen. Die Überreste der Toten wurden auf einem nahen Soldatenfriedhof beigesetzt.

Irgendwann brachen die Soldaten den Einsatz ab – akute Einsturzgefahr. Dabei hätte der Stollen wohl mindestens weitere 25 Meter in die Tiefe geführt. „Wenn wir damals weitergemacht hätten, wäre es richtig gefährlich geworden“, erinnerte sich Becker 2021.

Wo zwischen 1968 und 1970 gegraben wurde, ist heute ein Acker, wächst Getreide und Wiese. Uwe Hänel geht es nicht darum, den Stollen aufzubohren und nach weiteren Relikten von damals zu suchen. Sein Ziel ist es, eine Gedenk- und Informationstafel auf Französisch, Deutsch und Englisch am ehemaligen Tunneleingang zu installieren. 2026 könnte es so weit sein. „Über einen QR-Code sollen dann weitere Informationen abrufbar sein“, sagt Hänel. Er hofft darauf, dass ihm Nachkommen biografische Details der damals Verschütteten nennen können. Damit man vielleicht etwas mehr erfährt über die damaligen Soldaten, Männer wie Franz Mayr aus Ismaning und Fritz Forster aus Bad Tölz.DIRK WALTER

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