Unverpackt-Laden und Café: Andreas Felme (links) und Hannes Schißler in der Abfüllerei in Holzkirchen. © Stefan Schweihofer
Plastik-Tabu: Chrissi Holzmann von „Servus Resi“. © Hartmann
München/Holzkirchen – Informatiker Andreas Felme kann gut mit Zahlen. Pfarrvikar Hannes Schißler mit Kundschaft. Das Vorstandsduo steht in der Abfüllerei in Holzkirchen im Kreis Miesbach neben Eiern, Mehl und Linsen. Nichts ist in Folie geschweißt, Haferflocken zapft man aus Spendern ins eigene Vorratsglas. Felme und Schißler teilen die Vision vom plastikfreien Einkauf. Doch so ein höheres Ziel lässt einen noch keine schwarzen Zahlen schreiben. In Bayern schließen viele Unverpackt-Läden – vor zwei Wochen auch „Ois ohne“ in Tölz. Sechs Jahre lang zu wenig Umsatz.
Der Boom ist vorbei. Der Verband der Unverpacktläden listet bundesweit 169 Geschäfte. Mitte 2022 waren es über 340, weiß Vorständin Chrissi Holzmann. Ihr „Servus Resi“ in München läuft gut. „Wir feiern fünften Geburtstag. Ich habe den Mietvertrag verlängert und inzwischen vier statt zwei Mitarbeitern“, erzählt die 41-Jährige, kennt aber auch die Probleme. „Wir kämpfen wie die Gastronomie und andere Branchen, weil Lebensmittel im Einkauf teurer geworden sind. Wir spüren die Inflation wie die Kunden, die teils mehr aufs Geld achten müssen.“
Trotz Krise: Holzmann verteidigt die Vorteile der Unverpackt-Läden: „Uns können Zollkriege und stark steigende Preise für Pestizide wurst sein, weil wir mit ökologischen Produzenten aus der Region arbeiten“, sagt sie. „Das massive Müllproblem wird sich nicht in Luft auflösen. Wir sparen 84% Verpackungsmüll ein, fördern regionale, ökologische Landwirtschaft und halten die Transportemissionen gering – also sind wir die Zukunft.“ Und trotzdem schrumpft die Zahl der Unverpackt-Läden.
„Unser Idealismus eint uns alle“, sagt Holzmann. „Doch wie in anderen Branchen ist dieser wohl oft größer als die Erfahrung im Einzelhandel.“ Falsche Kalkulation kann tödlich sein, genauso der falsche Standort. Also bekomme die junge Branche immer öfter den General-Stempel „zukunftslos“ aufgedrückt, ärgert sich Holzmann. „In Markt Indersdorf wurde der Vertrag für das gut etablierte ,Ohne Schmarrn‘ für die Nachfolgerin der schwangeren Inhaberin nicht verlängert. Der Vermieter dort setzte lieber auf einen Versicherungsmakler.“ Dabei gebe es auch Erfolgsgeschichten – im mittelfränkischen Kreis Weißenburg-Gunzenhausen habe eine Kollegin nun ihren zweiten Laden eröffnet.
Aber was bringt den Euro zum Rollen? Das testen Andreas Felme und Hannes Schißler in Holzkirchen gerade. Zweieinhalb Jahre alt ist die Abfüllerei. Im Herbst krempeln die neuen Vorstände die Strategie gehörig um, um sich über Wasser zu halten. Ein Privatkredit und 6500 Euro als Genossenschaftsanteile retten sie. Jetzt sagt Felme: „Wir stehen auf wackeligen Beinen, schreiben aber erste schwarze Zahlen.“
Das Konzept trägt ein Café mit 25 Plätzen im Laden, das für Feiern gebucht werden kann. Im Winter gab es Events mit Musik und Workshops. Dass die Abfüllerei jetzt Supermarkt und Treffpunkt ist, kommt an. „Das Café hat viele Neukunden angelockt und den Umsatz im Laden gesteigert“, sagt Felme. Eine Teilzeitkraft, sechs Mini-Jobber und 20 Ehrenamtliche wuppen die Abfüllerei an vier Tagen, das Mittagsgericht kostet 9,50 Euro. Eine Schanklizenz verspricht bald Bier oder Aperol Spritz, auf der Terrasse haben 15 Gäste Platz.
Abo-Wertkarten sind ein weiterer wichtiger Teil des Rettungspakets. „Abo-Kunden überweisen monatlich per Dauerauftrag einen von ihnen selbst festgelegten Betrag“, erklärt Felme. „Dieses Guthaben kann der Kunde jederzeit bei uns einlösen, aber damit haben wir planbare Einnahmen.“ Damit der Euro im Unverpackt-Laden rollt, braucht‘s also nicht nur kaufmännisches Wissen und treue Kunden – sondern auch eine große Portion Kreativität. CORNELIA SCHRAMM