Auferstanden vom Sterbebett

von Redaktion

Vor gut einem halben Jahr lebte Ruth Wild noch im Hospiz. Damals merkte sie, dass sie doch noch nicht sterben wird.

Sie genießt das Leben mehr denn je: Ruth Wild bei einem Cappuccino am Glonner Marktplatz. © STEFAN ROSSMANN (2)

Glonn – Ihren Sarg hatte Ruth Wild selbst ausgesucht. Birke, nicht zu hartes Holz, praktisch fürs Krematorium. Zur Beerdigung das Ave Maria, ein Urnengrab unter einem Baum. Sie gab Auto und Wohnung her, ließ sich ins Hospizbett hieven und wartete auf den Tod, mit 59 Jahren. Tage, Wochen, Monate vergingen. „Komisch, irgendwie stirbst du nicht“, sagte sie sich irgendwann. Nach einem halben Jahr im Hospiz zog Ruth Wild wieder aus, fuhr direkt zum Flughafen und flog, statt zu sterben, in den Urlaub.

Ein Dreivierteljahr später sitzt sie am Marktplatz in Glonn im Landkreis Ebersberg auf der Caféterrasse in der Mittagssonne. Wenige hundert Meter von ihrem einstigen Sterbezimmer entfernt schiebt sie mit dem Löffel den Milchschaum in der Cappuccinotasse hin und her und zieht gedankenversunken an ihrer Zigarette. „Rauchen kann tödlich sein“, steht auf der Packung. „Ich sehe heute vieles anders“, sagt Ruth Wild und lächelt. Sie ist so braun gebrannt, dass das Rouge auf ihren Wangen kaum zu sehen ist.

Im Mai 2024 wog sie 45 Kilo, ihr fehlten zwei Schneidezähne, eine Blutvergiftung beutelte ihren Körper bis fast zum Multiorganversagen. Der Arzt eröffnet ihr: „Sie leben noch eine Woche. Wir können nichts mehr für sie tun.“ So unwirklich kam ihr das alles vor, dass sie gedacht habe: „Über wen spricht der?“ Ein halbes Jahr hatten die Klinikärzte da schon um ihr Leben gekämpft. Sie verbrachte so viele Wochen auf einer Münchner Intensivstation, dass sie das unaufhörliche Piepsen der Geräte fast in den Wahnsinn trieb. Dass sie die Pflegerinnen anbettelte, doch mal ein Fenster aufzureißen, statt der immergleich-sterilen Luft der Klimaanlage ausgeliefert zu sein. Drei Wochen lag sie im Koma.

Der Tod war heimlich in das Leben der Krankenschwester geschlichen. Mit einem Ziehen im Bein fing alles an, zunächst dachte Ruth Wild an Ischias. Doch als der Schmerz immer brennender wurde und sie sich von ihrem Chef in die Klinik fahren lassen musste, stellten die Ärzte fest: Ihr linker Wadenmuskel schien sich regelrecht zu verflüssigen und aufzulösen. Die Diagnose: eine Salmonelleninfektion im Muskel. „Ein ganz komischer Befund“, sagt die inzwischen 60-Jährige, die bis heute keine plausiblere Erklärung dafür hat, als einen hartnäckigen Mückenstich.

Die Bakterien scherten sich nicht um eine Erklärung. Ihnen war es egal, dass sie eigentlich das Verdauungssystem befallen sollten. Vier Operationen, bei denen die Ärzte Schwämme einsetzten, die den Erreger aus dem Muskel ziehen sollten, ersparten Ruth Wild nicht die Monate im Krankenhaus, an die sie sich kaum erinnern kann. Meist habe sie wirres Zeug geredet, hätten ihr ihre beiden Söhne und ihre Freunde geschildert. Die Ärzte überwiesen sie schließlich an die Palliativstation. Morphium, statt Antibiotika. Endstation. Doch die 59-Jährige starb einfach nicht. „Ich hatte nie Angst vor dem Tod“, sagt sie. „Vielleicht habe ich geahnt, dass meine Zeit noch nicht abgelaufen war.“

Sie lernte, dass ihr Aufenthalt auf der Palliativstation höchstens zwei Wochen lang bezahlt würde. Und dass sich der Tod nicht an Kostenträgervorgaben hält. Ihre Söhne organisierten ein Bett für sie in der Glonner Hospizinsel im Caritas-Marienheim. Ruth Wild, zu schwach, um es vom Rollstuhl ins Bett zu schaffen, fing dort wieder das Rauchen an.

Die Glonner Hospizinsel ist ein Ort, in dem Menschen in Würde sterben dürfen, und auch unübliche oder ungesunde Wünsche erfüllt bekommen. Auf dem Zimmer rauchen, eine Leberkässemmel zu viel essen. Ruth Wild wünschte sich ein einstündiges Bad jeden Morgen – und tägliche Krankengymnastik. Sie kämpfte sich über die Monate vom Rollstuhl auf Krücken, bis sie wieder Treppensteigen konnte und die Ärztin zu ihr sagte: „Frau Wild, Sie sind hier falsch.“ Bis heute spricht sie in höchsten Tönen von dem Glonner Heim und der Hingabe, mit der man sich dort um sie kümmerte. „Es muss nicht die Endstation sein“, sagt sie. Von Unterhaching aus, wo sie derzeit bei einer Freundin lebt, kommt sie gelegentlich zu Besuch an den Ort, der ihr den Lebenswillen zurückgab. „Wegen der Leute dort.“

Auf der Caféterrasse hat sich Ruth Wild nun Flammkuchen bestellt. Dazu gibt’s Weißweinschorle mit Limo. Manche mögen das für eine Sünde halten. Mei, dann sündigt sie halt. Und freut sich jeden Tag, wenn sie die Augen aufschlägt, die Vögel singen und die Sonne scheint, so abgedroschen das klingen mag. „Das Normalste der Welt sehe ich mit anderen Augen.“ Wenn es regnet, macht sie eben Kreuzworträtsel. Von ihrer Leidensgeschichte ist eine Arthrose im Sprunggelenk übrig geblieben, die sie wohl daran hindern wird, wie geplant wieder zu arbeiten. Und ein nicht enden wollender Formularwust, um zurück in das Leben zu finden, mit dem sie schon abgeschlossen hatte. „Ich bin gelassener geworden“, sagt sie über Formblätter, Online-Anträge, Telefonwarteschleifen und das Leben an sich. Ruth Wild ist einfach froh, dass sie es lebt.

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