Früher Kurheim, heute hundefreundliches Hotel: Das „Schnitzer‘s Dahoam“ mit 35 Zimmern in Bad Wiessee.
Hotel-Chefinnen in dritter und vierter Generation: Franzi Gierth und Edith Brenner vom Hotel „Schnitzer‘s Dahoam“ am Tegernsee. © THOMAS PLETTENBERG (2)
Bad Wiessee – Edith Brenners Großeltern haben 1932 in Bad Wiessee das „Kurheim Schnitzer“ eröffnet. Seitdem ist das Hotel am Tegernsee in Familienbesitz und wird immer von einer Frau geführt. Die 61-Jährige ist im heutigen „Schnitzer’s Dahoam“ Chefin der dritten Generation und teilt sich die Arbeit mit ihrer Tochter, Junior-Chefin Franzi Gierth (29). Bei der Arbeit in dem 35-Zimmer-Hotel hilft aber die gesamte Familie mit. Gierths Mann ist der Küchenchef, ihr Bruder kümmert sich um Garten und Haustechnik, und Edith Brenners Gatte steht am Grill. Ein Gespräch über Gäste von damals und heute – und wie sich die Ansprüche gewandelt haben.
Frau Brenner, wie war es, als Kind in den 1960er-Jahren in einem Hotel aufzuwachsen?
Edith Brenner: Ich kann mich daran erinnern, dass unsere Gäste sehr alt waren. Mindestens 80 Jahre alt, was für mich als Kind natürlich unglaublich alt war. Wir hatten vor allem allein reisende Kurgäste, die wegen der Jod-Schwefel-Heilquellen nach Bad Wiessee gekommen sind. Die sind drei bis vier Wochen geblieben. Ein Zimmer für nur eine Nacht oder ein Wochenende zu vermieten, das war undenkbar damals.
Woher kamen die Gäste?
Edith Brenner: Aus Deutschland, aus dem Ruhrgebiet, dem Saarland oder Berlin. Ausländische Gäste hatten wir nur sehr wenige. Das hat sich geändert.
Franziska Gierth: Heute haben wir auch Gäste aus Österreich, der Schweiz und Luxemburg, wobei die deutschen Gäste immer noch in der Mehrheit sind. Kurgäste haben wir kaum noch, die meisten kommen, um zu wandern oder auszuspannen. Und sie sind zu zweit oder reisen als Familie an. Wir haben auch keine Einzelzimmer mehr. Unsere Gäste haben gerne viel Platz. Die Suiten sind immer als Erstes ausgebucht.
Edith Brenner: Das war in meiner Kindheit anders. Da war das Einzelzimmer die Regel. Und zwar ohne eigenes Bad. Dusche und WC gab es auf der Etage. Mein Opa hat, als der an der Bushaltestelle nach neuen Gästen Ausschau gehalten hat, immer damit geworben, dass sein Kurheim über fließend warmes Wasser verfügt. Das war schon etwas Besonderes.
Haben sich die Ansprüche der Gäste stark verändert?
Edith Brenner: Auch Hotelgäste gehen mit der Zeit und erwarten, dass sich der technische Fortschritt in ihrem Hotelzimmer wiederfindet. Das ging los beim Telefon, dann kam der Fernseher, dann der Flachbildschirm und jetzt ist es das schnelle WLAN, das vorausgesetzt wird.
Franziska Gierth: Als wir 2021 das Hotel wiedereröffnet haben, ging genau an diesem Tag das WLAN nicht – und auch nicht die Fernseher. Einige wenige Gäste haben sehr klar kommuniziert, dass sie ohne WLAN und TV nicht wiederkommen. Wir haben das Problem zum Glück schnell beheben können, aber ich habe mir schon gedacht: Ist doch schade eigentlich, dass man einen Fernseher braucht. Hier sind so viele Menschen, mit denen könnte man sich auch einfach unterhalten.
Edith Brenner: Früher war es üblich, dass sich alle Gäste nach dem Abendessen zusammen mit meinem Vater zusammen an einen Tisch gesetzt haben und dann wurde geratscht und es gab einen Schnaps.
Franziska Gierth: Heute sind es eher kleinere Gruppen, die ins Gespräch kommen. Hier im Hotel haben sich schon viele Menschen gefunden, die sich hier regelmäßig im Urlaub treffen. Die Hunde spielen da natürlich auch eine große Rolle bei der Kontaktaufnahme.
Sie haben das Hotel nach einer Generalsanierung 2021 als hundefreundliches Hotel wiedereröffnet. Warum diese Spezialisierung?
Franziska Gierth: Als Hotel braucht man ein Alleinstellungsmerkmal heutzutage. Wir selbst hatten immer Hunde und auch schon früher waren Hunde bei uns willkommen. Die Idee, in diese Nische zu gehen, stammt eigentlich von meiner Mutter. Ich war anfangs skeptisch, wie die Nachbarn, wie das Tal reagieren wird, wenn wir hier vor allem Gäste mit Hunden haben. Aber zum Glück sind die Rückmeldungen sehr positiv – und andere Hotels verweisen nun gerne auf uns, wenn wegen eines Aufenthalts mit Hunden angefragt wird. Bei uns dürfen die Hunde auch mit ins Restaurant. Das gibt es auch nicht so häufig.
Wie hat sich die Speisekarte denn im Laufe der Zeit verändert?
Edith Brenner: Früher gab es genau ein Gericht für alle und da wurde halt typisch bayerisch gekocht. Sonntags gab zum Beispiel immer Hendl und abends kalte Platte. Das bayerische Buffet haben wir heute noch, mit allem, was dazugehört. Aber wir haben uns weiterentwickelt.
Franziska Gierth: Mein Mann legt als Küchenchef sehr viel Wert auf gute, regionale Produkte. Natürlich bieten wir auch vegetarische und auf Wunsch vegane Gerichte an. Das gehört einfach dazu.
Die gesamte Familie arbeitet im Hotel. Wann nehmen Sie sich frei?
Edith Brenner: Abwechselnd. Wir schauen, dass immer jemand von uns da ist. Das war schon immer so: Unsere Familie gehört zum Hotel dazu. Meine Mutter hat für das Hotel regelrecht gelebt und wirklich sehr viel gearbeitet. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich einen Tag freigenommen hätte. Meine Tochter ist eigentlich die Erste in der Familie, die von Anfang an darauf achtet, auch einmal eine Pause zu machen. Und das ist gut so.