In Wolfratshausen protestierten vor zwei Jahren knapp 100 Menschen gegen die Belegung der Sporthalle. © sh
Kein Sport mehr möglich: Die Turnhalle des Gymnasiums Tegernsee war viele Jahre lang eine Flüchtlingsunterkunft. © Ralf Poeplau
Wolfratshausen/Tegernsee – „Unsere Kinder brauchen ihre Sporthalle zurück.“ Der Satz steht auf einem der Banner, mit denen rund 85 Menschen im Oktober 2023 durch Wolfratshausen zogen. Damals lebten bereits seit anderthalb Jahren 100 Asylbewerber in der Mehrzweckhalle im Stadtteil Farchet. Und es war nicht absehbar, dass die wichtigste Sportstätte des BCF Wolfratshausen bald wieder von den Sportlern genutzt werden könnte. Der Verein wollte das nicht länger hinnehmen. Der Vorsitzende Manfred Fleischer hatte bereits einen offenen Brief an Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) geschrieben und zig Gespräche geführt. Die Demo war ein weiterer Hilfeschrei.
So wie den Wolfratshausern ging es seit 2015 vielen Sportvereinen in Oberbayern. In etlichen Turnhallen wurden Feldbetten aufgestellt, damit die vielen Asylbewerber ein Dach über dem Kopf haben. Turnhallen, Fabrikgebäude, Zeltstädte – all das sollten Übergangslösungen sein. In vielen Fällen waren es Lösungen für mehrere Jahre. Nicht nur die Sportvereine litten darunter – auch für die Geflüchteten war diese Unterbringung alles andere als optimal. „Die Sanitäranlagen sind dafür nicht ausgerüstet, es gibt keine Privatsphäre“, sagte Jörg Ammon, der Vorsitzende des Landessportverbands. Das fördere Konflikte. Für einige Vereine sei es existenzbedrohend, ihre Sportstätten so lange entbehren zu müssen, Mitglieder würden austreten.
In vielen Hallen hat die jahrelange Belegung mit Flüchtlingen Spuren hinterlassen, sie müssen generalsaniert werden. Erst vor Kurzem ist die Turnhalle des BCF in Farchet geräumt worden. Der Vorsitzende Fleischer war erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal in der Halle, in der zeitweise 200 Menschen gleichzeitig gelebt hatten. Einige Sportler fürchten, dass viel kaputtgegangen ist und die Halle nun noch monatelang saniert werden muss. Seit Ende der Sommerferien sind die Instandsetzungsmaßnahmen abgeschlossen. Volleyballer und Tischtennis-Spieler haben schon wieder in ihrer Sporthalle trainiert. Fleischer ist nun vor allem froh, dass der Verein diese Belastungsprobe hinter sich gebracht hat. Ohne die Unterstützung anderer Vereine, die Hallen zur Verfügung gestellt hatten, hätte der BCF vermutlich viele Sportler verloren.
Nicht überall gab es Demonstrationen – aber in allen oberbayerischen Landkreisen war der Frust wegen der belegten Turnhallen groß. Das Kultusministerium warb 2015 für Solidarität, verwies aber auch auf die Eigenverantwortlichkeit der Schulen. So provisorisch wie gedacht war diese Lösung letztlich nicht. Einige Schulen mussten Jahre auf ihre Turnhalle verzichten – zum Beispiel das Gymnasium Tegernsee. In den Jahren nach 2015 – und dann noch mal ab 2022. „Für die Schule hat das eine enorme logistische Herausforderung bedeutet“, berichtet Veronika Bauer vom Tegernseer Helferkreis. Die Schüler wurden für den Sportunterricht mit Bussen zu den Turnhallen in Gmund oder Rottach-Egern gefahren. Für den Sportunterricht blieben dann manchmal nur 30 Minuten Zeit. Die Sportvereine litten ebenfalls und verloren Mitglieder. Seit Oktober 2024 ist die Tegernseer Turnhalle wieder frei. Sie wurde bis Ostern instand gesetzt. Die Generalsanierung steht noch aus, berichtet Bauer.
Auch die Asylhelfer sind froh, dass es dank neugeschaffener Unterkünfte nun andere Lösungen gibt. Denn die fehlende Privatsphäre in den Turnhallen führte immer wieder zu Konflikten. Größere Probleme gab es nie, berichtet Bauer. Auch dank des Sicherheitsdienstes.
Bauer ist froh, dass die Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Tegernsee nicht gekippt ist, obwohl so viele Menschen auf die Turnhalle verzichten mussten. „Wir haben damals auf Kommunikation und Transparenz gesetzt“, berichtet sie. Als Koordinatorin des Helferkreises schrieb sie viele Newsletter, um die Bürger zu informieren, wer in der Turnhalle untergebracht ist und wie man helfen kann. „Es gibt Asylbewerber, die zweieinhalb Jahre in der Halle untergebracht waren“, berichtet sie. „Das macht mürbe.“ DOMINIK STALLEIN KATRIN WOITSCH