Plötzlich Funkstille

von Redaktion

Die Bundeswehr beansprucht Frequenzen für sich

„Überrascht“: Andreas Wilzeck von Sennheiser.

Hier funkt die Bundeswehr: Eine Luftaufnahme des Standorts Pöcking. © CJR, K. Koch/Sennheiser

Pöcking – Sind Veranstaltungen mit drahtlosen Mikrofonen rund um Pöcking (Kreis Starnberg) bis hinein nach München nicht mehr möglich? Diese Befürchtung macht bei Konzertveranstaltern die Runde. Der Grund ist eine unscheinbare Mitteilung der Bundesnetzagentur vom Mittwoch, wonach es „gegebenenfalls“ zu Einschränkungen bei der Nutzung von Funkmikrofonen kommen kann – und zwar rund um das kleine Pöcking. Dort betreibt die Bundeswehr das CJR – das „Ausbildungszentrum Cyber- und Informationsraum“, bildet Spezialisten in Informationstechnik, elektronischer Kampfführung und militärischem Nachrichtenwesen aus. 1140 Mitarbeiter an sieben Standorten.

Offenbar will die Bundeswehr auf ihrem Territorium ungestört funken. Doch die nun verfügten Beschränkungen greifen nach Recherchen von Jochen Zenthöfer von der Initiative „Save our spectrum“ weit über das Kasernengelände hinaus. 23 Kilometer beträgt der Radius rund um Pöcking, in dem Einschränkungen möglich sind.

Herrscht bis nach München-Laim bei Freiluft-Veranstaltungen künftig Sendepause?

Genau das befürchtet Jochen Zenthöfer. „Wer künftig sein Mikrofon anschaltet, muss jederzeit mit Störungen durch die Bundeswehr rechnen“, sagt er. Es könne also sein, dass mitten in der Rede des Bürgermeisters zur Kita-Eröffnung der Ton weg ist. Oder bei einem Konzert draußen. Bei einer Stadtführung oder einem Schulorchester. „Wer sein Mikro anschaltet, muss jederzeit mit Störungen durch die Bundeswehr rechnen.“ Und zwar ohne Vorankündigung. Auch der Technikriese Sennheiser, einer der größten Hersteller von Funkmikrofonen und Zubehör, ist alarmiert. „Wir waren doch sehr überrascht“, berichtet Andreas Wilzeck, Leiter Frequenzpolitik bei Sennheiser. Er vermisse eine „sorgfältige Berücksichtigung der Bedürfnisse von Audio-PMSE-Nutzern“ – das ist der Fachbegriff für Nutzer von Funkmikros. Alarmiert ist auch der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft. Er betonte am 1. September die Bedeutung verlässlicher Funkverbindungen – wichtig „von der Kirche bis zum Bundesligaspiel, von der Messe bis zum Parteitag“. Die hier verwendeten Frequenzen von 470 bis 694 Megahertz (MHz) würden zunehmend eingeschränkt.

Die Bundesnetzagentur bestätigt auf Anfrage, dass es „beim Betrieb von drahtlosen Mikrofonen“ zu Einschränkungen kommen könne. Doch man könne auf andere Frequenzen ausweichen, solle das freilich „frühzeitig beantragen“. Im Fall Pöcking gilt die Einschränkung speziell für die Frequenz 470 bis 510 MHz, sagt Zenthöfer unserer Zeitung. Den Hinweis der Bundesnetzagentur hält er für irrelevant. 470 MHz und höher sei nun mal für Mikrofone am besten geeignet, man könne so Bühnenaufbauten durchdringen und kleine Sender nutzen, die gut unter Kostüme und Perücken passen. Ab 510 MHz funkten Fernsehen und Wetterdienst, es sei schwierig, dort freie Frequenzen zu finden.

Sennheiser prüft nun, ob man rechtlich gegen die Verfügung der Bundesnetzagentur vorgehen kann. DIRK WALTER

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