Olympia-Schwimmer in Paris 2024. Bald auch in der Freisinger „Munich Arena“?
Die IOC-Chefriege: Thomas Bach übergab heuer an Kirsty Coventry. © Vodant/pa
So war es bei den Spielen 1972: Olympia-Hostessen vor dem Olympia-Turm. Sie mussten die IOC-Mitglieder betreuen. © BSB/Fruhstorfer, Kleindl/pa
Fünf Ringe für München? Ein Teil der olympischen Wettkämpfe würde auf dem Olympia-Gelände von 1972 stattfinden. Aber zuerst müssen die Münchner Bürger über eine Bewerbung abstimmen. © Frank Hoermann/IMAGO
1,1 Millionen Münchner können am 26. Oktober abstimmen, ob sich München für die Olympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben soll. Dabei müssen zehn Prozent entweder mit Ja oder Nein stimmen, damit der Bürgerentscheid überhaupt gilt. Auch bei einem Ja ist München noch nicht gesetzt. Aber auch die Konkurrenten Hamburg (31. Mai 2026) und Rhein-Ruhr (vermutlich am 19. April 2026) lassen erst die Bürger abstimmen. Nur in Berlin ist das nicht vorgesehen. Lesen Sie zum Auftakt einer Serie, wie Befürworter und Gegner argumentieren.
10 Gründe für Olympia
1. Das Erlebnis: Spitzensport hautnah miterleben zu dürfen, ist für Fans und Schaulustige eine einmalige Erfahrung und beschert Erinnerungen, die lange im Gedächtnis bleiben. Dieser Ansicht ist auch das Bündnis OlympiJA, dem unter anderem die Stadt München, der Freistaat und die bayerische Wirtschaft angehören. 2. Verbesserte Wohnsituation: Einen „Push“ für die Wohnsituation in München erhofft sich nicht nur Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) von einer Olympia-Austragung. Im neuen Olympischen Dorf würden tausende Wohnungen entstehen. 3. Aufschwung für Vereine: Langfristig von Olympia profitieren sollen insbesondere die Sportvereine in München. Ihnen winken neben der Sanierung und Erweiterung der bestehenden Anlagen wie dem Olympiapark auch neue Mitglieder. Von dem Großereignis motiviert, würden zahlreiche Bürger zum Sport animiert. 4. Wenige neue Investitionen: Befürchtungen, für die Spiele zahlreiche neue Sportanlagen aus dem Boden stampfen zu müssen, erklären Unterstützer der Olympia-Bewerbung für unbegründet. 90 Prozent der Sportstätten stehen schon zur Verfügung, heißt es. „Andere müssen teuer bauen, wir haben die besten Kulissen schon“, sagt Ministerpräsident Markus Söder (CSU). 5. Nahverkehr und Nachhaltigkeit: Wie schon 1972, als für Olympia in München die S-Bahn entstand, würde es auch bei einer Neuausrichtung einen Schub für den Nahverkehr geben: eine zeitnahe Verlängerung der U4 bis zur Messe, die Realisierung der U9 und den S-Bahn-Ringschluss Nord. Angedacht sind auch Radschnellwege und die Erweiterung sowie Vernetzung städtischer Grünflächen. 6. Sozialer Aspekt: „Wer erinnert sich nicht an die großartige Stimmung vor drei Jahren bei den European Championships – mit Radrennen und Marathon quer durch die Stadt, Beachvolleyball und Bouldern am Königsplatz, spannender Leichtathletik im Olympiastadion und vielem mehr“, sagt Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. Sport verbindet eben. 7. Finanzielle Unterstützung: Von einem „Entwicklungsschub für die Gesellschaft“ spricht der bayerische Innen- und Sportminister Joachim Herrmann (CSU). Von Bund und Freistaat winken Gelder für Stadtentwicklung und Projekte, die ansonsten nicht möglich wären. 8. Inklusion: Durch die Paralympischen Spiele, die im Anschluss an die Sommerspiele ebenfalls in München stattfinden würden, rückt die Barrierefreiheit stärker in den Fokus – und das nicht nur auf den Sportanlagen und im Olympischen Dorf, sondern beispielsweise auch im Nahverkehr. 9. Schub für die Wirtschaft: Olympische Spiele werden „einen Push für den Wirtschaftsstandort bringen“, erklärt Wolfram Hatz, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Der Wirtschaftswert wird ähnlich hoch wie eine Wiesn geschätzt – aktuell gut 1,5 Milliarden Euro. Profitieren wird auch das Hotelgewerbe: München hat 100 000 Betten in 470 Hotels und Pensionen, knapp die Hälfte dessen, was in Paris zur Verfügung stand. 10. Positives Image: München habe in der Vergangenheit gezeigt, dass es „emotionale Großereignisse organisieren kann“, sagte Oberbürgermeister Reiter. Vor den Augen der Welt kann die „Weltstadt mit Herz“ beweisen, dass sie weit mehr ist als Oktoberfest. Olympia wäre zudem eine ideale Gelegenheit, am Image Deutschlands zu schrauben.
10 Gründe gegen Olympia
1. Olympia kostet Milliarden: Seit 1960 hat keine Ausrichterstadt das geplante Olympia-Budget eingehalten, sagt das Bündnis NOlympia, das Bund Naturschutz, Die Linke, ÖDP und der Münchner Grünen-Abgeordnete Ludwig Hartmann unterstützen. Zuletzt scherte Paris aus: Statt wie vorgesehen 2,4 Milliarden kostete Olympia 2024 etwa sechs Milliarden Euro. „Das waren die fünftteuersten Spiele aller Zeiten“, sagt Hartmann. 2. Bewerbung verschlingt Millionen: Die ersten Ideenskizzen und der Bürgerentscheid allein kostet schon sechs bis sieben Millionen Euro, davon 1,8 Millionen Werbeetat. Zum Vergleich: NOlympia hat 20 000 Euro zur Verfügung. Sprecher Ludwig Hartmann kritisiert auch den innerdeutschen Wettbewerb. „Das gibt es in keinem Land der Welt.“ Bei einem Ja der Münchner würden weitere Kosten entstehen, um sich im innerdeutschen Wettbewerb durchzusetzen. Schlussendlich müsste München dann vor der IOC bestehen – noch mehr Ausgaben. 3. Das IOC ist kein fairer Partner: Das IOC ist für die Gegner ein Hassobjekt: Es „diktiert Bedingungen, kassiert die Gewinne und überlässt den Städten die Risiken“, heißt es. Und: „Es ist steuerbefreit, handelt mit autokratischen Regimen.“ Fazit: Das passt nicht zu München. 4. Stadtentwicklung leidet: München braucht bezahlbare Wohnungen und einen funktionierenden Nahverkehr – heute, nicht erst zu Olympia. „Jeder weiß, dass es 2026 oder 2040 eh nichts wird – die internationale Konkurrenz ist zu stark.“ Reelle Chancen gebe es erst 2044. München müsste dann, so die Gegner, 19 Jahre auf einen Quantensprung im U-Bahn-Ausbau warten. 5. Wohnungen jetzt – nicht erst 2036 oder später: Das geplante Olympische Dorf im Münchner Nordosten, auf dem Grund der „Städtischen Entwicklungsmaßnahme“ (SEM) in Daglfing, „wirkt ineffizient“, sagen die Gegner: 19 000 Menschen werden für die Spiele untergebracht, danach aufwendig in 10 500 Wohnungen umgebaut. Warum nicht gleich für die Bürger planen? 6. Wettkampfstätten: Sie sind teuer, temporär, verschwenderisch: Viele Sportarenen werden nur für die Spiele errichtet und danach abgebaut. Beispiel: die Schwimmanlage in der (privat finanzierten, aber noch gar nicht gebauten) Event Arena auf dem Flughafengelände bei Freising, die etliche Millionen kosten würde. Sie würde benötigt, weil das Olympia-Schwimmbad von 1972 heutigen IOC-Standards nicht entspricht, es fehlen zwei Bahnen. Insgesamt schätzt die Stadt die Kosten für temporäre Anlagen auf 930 Millionen Euro – Stand heute. 7. Wirtschaftlicher Nutzen ist kurz und klein: Der wirtschaftliche Effekt ist gering, kurzfristig und bricht nach den Spielen wieder ein, behauptet das Anti-Olympia-Bündnis. Gewinner sind vor allem die IOC-Sponsoren, nicht die lokale Wirtschaft. Die Milliardenkosten für München stehen in keinem Verhältnis zu den wenigen Wochen Olympia. 8. Kaum Nutzen für den Breitensport: Breitensport lebt von Hallen, Schwimmbädern, Vereinen und Menschen, die sich im Ehrenamt engagieren. Wer es ernst meint mit Sport, steckt das Geld in dauerhafte Sportstätten, die täglich genutzt werden. Beispiel: „München bräuchte dringend eine neue Schwimmhalle – aber eben nicht nur temporär.“ 9. European Championships sind kein Maßstab: Die Championships waren erfolgreich, weil sie offen, günstig und bürgernah waren. Olympia ist das Gegenteil: abgesperrte Sicherheitszonen, hohe Ticketpreise, Kommerzialisierung und strikte Exklusivrechte für Sponsoren. 10. München kann ohne Olympia begeistern: Konzerte, Sport, Biergärten: München ist attraktiv, lebendig, weltoffen. Dafür braucht es kein IOC. München-Werbung durch Olympia ist unnötig, jeder weiß, wie schön es hier ist.FLORIAN ZERHOCH, DIRK WALTER
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