Trend in Hollywood: Der Zahnstocher war das Accessoire der Grammy-Awards 2024 – hier bei Sängerin Doja Cat. © Nunez/Getty
München – Harald Kraus wollte das Problem gleich im Keim ersticken, denn: „Schüler, die wie kleine Cowboys auf Zahnstochern kauend im Klassenzimmer sitzen, stören den Unterricht“, sagt der kommissarische Schulleiter der Carl-von-Linde-Realschule in München. Gefährlich könnten die spitzen Dinger obendrein sein: „Wenn Kinder auf dem Pausenhof mit den Stäbchen im Mund herumtoben, besteht Verletzungsgefahr.“
Deshalb hat Kraus kurzerhand Zahnstocher an seiner Schule verboten. Aber hier geht es nicht um normale Zahnstocher, mit denen man sich Essensreste aus den Zähnen popelt. Es handelt sich um einen neuen Trend aus Hollywood, der sich in den Sozialen Medien und auf Schulhöfen breitmacht: Nikotinzahnstocher. In den USA gibt es diese schon länger, Promis wie Ryan Phillippe, Shawn Mendes oder Doja Cat schwören darauf. Eigentlich sollen die Sticks Erwachsenen dabei helfen, mit dem Rauchen aufzuhören, als Ersatz für Zigaretten oder Vapes. Das Nikotin wird direkt über die Mundschleimhaut aufgenommen. In Deutschland sind Nikotinzahnstocher offiziell zwar nicht erhältlich, allerdings lassen sie sich übers Internet aus dem Ausland bestellen. Hierzulande erlaubt sind Exemplare ohne Nikotin, die es in verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Apfel, Blaubeere, Minze oder Eisbonbon gibt.
An seiner Schule bemerkte Kraus den Hype aus Hollywood vor ein paar Wochen. Lehrer berichteten ihm von Siebt- und Achtklässlern mit Zahnstochern im Mund. Der Rektor machte sich schlau: „Es ist ein neuer TikTok-Trend, wobei Nikotinzahnstocher als Lifestyle-Produkt präsentiert werden.“ Beim Thema TikTok schrillten seine Alarmglocken. „Da haben wir generell Probleme.“ Ein anderer Hype nämlich mache Schulen ebenfalls zu schaffen: „Vandalismus auf Toiletten.“ Kurz gesagt: Schüler filmen sich dabei, wie sie Siphons rausreißen oder Klos verstopfen und zum Überlaufen bringen, und stellen die Filmchen ins Internet.
Damit der Zahnstocher-Hype an seiner Schule nicht überhandnimmt, zog Kraus die Reißleine. Schließlich könnten Lehrer nicht kontrollieren, ob es sich um nikotinhaltige oder nikotinfreie Stäbchen handelt. „Wir können ja nicht an jedem Zahnstocher lutschen.“ Denn mit bloßem Auge lassen sich die Exemplare nicht voneinander unterscheiden. Alle sehen so harmlos aus wie normale Zahnstocher. Oft verpackt in hübsche, bunte Metalldöschen. Im Internet werden die Zahnstocher mit Geschmack sogar als Mundhygiene-Artikel angepriesen, als „gute Alternative zu Kaugummi“, die „frischen Atem“ verspricht. Schon für 30 Euro kann man ein Starterpack mit vier Sorten und insgesamt 400 Sticks bestellen. Kieferorthopäden und Zahnärzte hingegen warnen vor den aromatisierten Stäbchen, weil sie das Zahnfleisch reizen und Verletzungen zwischen den Zähnen verursachen. Im schlimmsten Fall könnten die Zusatzstoffe das Kariesrisiko erhöhen.
Die größte Gefahr: Kinder könnten so unwissentlich nikotinabhängig werden, angelockt durch süße Aromen. Hier schlägt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Alarm: „Schule ist ein suchtfreier Raum“, betont sie. Insofern findet sie das von Kraus ausgesprochene Verbot gut. „Wir werden die Entwicklung auch an anderen Schulen beobachten.“ Ohne zu dramatisieren. Schließlich seien die Zahnstocher nicht der erste „stylische Wahnsinn“, der an Schulen aufschlägt. Bei den Eltern übrigens komme das Stäbchen-Tabu seiner Schule gut an, berichtet Kraus: „Viele waren dankbar dafür, dass wir hinschauen.“ MARLENE KADACH