Brennpunkt Hauptbahnhof

von Redaktion

Deutschlandweite Schwerpunkt-Aktion der Polizei am Wochenende

Geht auf Hauptbahnhof-Visite: Alexander Dobrindt. © IMAGO

Überwachungsvideo: Al Osmani und sein Bruder packen den Räuber.

Der Juwelier Mukhles Al Osmani wurde schon mehrfach überfallen.

Weniger Straftaten: Wolfgang Hauner von der Bundespolizei verzeichnet am Hauptbahnhof einen Rückgang – ist aber noch nicht zufrieden. © Oliver Bodmer (3)

München – Juwelier Mukhles Al Osmani (55) hat keine Lust mehr auf Gold. Am 19. März wurde er in seinem Laden „Juwelier Bagdad“ in der Dachauer Straße direkt am Münchner Hauptbahnhof überfallen. „Er kam mit einer Waffe, aber ich hatte keine Angst.“ Al Osmani rang den Räuber mit Hilfe seines Bruders nieder und hielt den Mann fest, bis die Polizei kam. Trotzdem: Seit der Attacke ist er vorsichtig geworden. „Ich habe kein Gold mehr im Geschäft“, sagt Al Osmani. „Zu gefährlich.“

Gefährlich – so sehen viele den Münchner Hauptbahnhof. Nicht nur Händler, Anwohner und Fahrgäste – auch die Sicherheitsbehörden. Am Wochenende kämmt die Bundespolizei Bahnhof und S-Bahn-Bereich in einer Schwerpunktaktion gründlich durch, Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) kam dafür extra am Freitagabend vorbei. Grund sei die „anhaltend hohe Anzahl von Gewaltdelikten“ an deutschen „gewaltbelasteten“ Bahnhöfen. Heißt: Das ganze Wochenende patrouillieren noch mehr Streifen als sonst. Waffen, Pyrotechnik und Messer werden verboten.

Kurz bevor Dobrindt eintrifft, wird die Polizei aktiv. Ein junger farbiger Mann in roter Daunenjacke wird von fünf Beamten umringt und in den Schwitzkasten genommen. Anschließend wird er abgeführt.

Der Innenminister nutzt den Ortstermin nicht nur, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen, sondern auch zu Gesprächen mit den Polizisten über die Herausforderungen ihres Alltags. Wiederholt fragt er nach und ermuntert zu offenen Antworten, zum Beispiel beim Thema Taser. Die Elektroschockpistolen kommen zunehmend zum Einsatz, in brenzligen Situationen, wie es sie auch am Bahnhof immer wieder gibt, können sie eine wichtige Hilfe sein. Dobrindt verweist auf die „deeskalierende Wirkung, nicht nur für den potenziellen Angreifer, sondern auch für die Polizisten“. Der Einsatz eines Tasers bewege sich „unterhalb aller Anwendungen von Gewalt“ und helfe dabei, den Einsatz von Schusswaffen zu vermeiden, der auch für die Beamten immer traumatisch sei.

Der junge Polizist, den er dazu befragt, hat selber noch keine Ausbildung am Taser gehabt, ist aber grundsätzlich offen: „In einigen Situationen wäre es damit auf jeden Fall besser.“ Nur in der Handhabung sieht er noch Tücken. „Man muss schauen, wo man den noch hinpackt.“

Serkan Aydin (28) verkauft seit elf Jahren Backwaren am Aufgang der U5 – für ihn ist klar: Am Bahnhof wird‘s immer härter. „Als ich angefangen habe, musste man keine Angst haben. Heute ist das anders. Viele sind betrunken, die Hemmschwelle sinkt.“ Neulich habe ein Mann eine Bierflasche aus seinem Kühlschrank geholt – „er wollte sie einem anderen auf den Kopf schlagen“. Immer wieder griffen ihm Leute Ware aus der Auslage. „Ich lasse sie dann laufen, das ist es nicht wert.“ Auch in der Bayerstraße werde er belästigt: „Wenn ich aus dem Auto steige, sind sofort Drogendealer da und wollen was verkaufen. Die laufen mir sogar hinterher.“

Trotzdem: Von Dobrindts Kontrollen hält Serkan Aydin wenig: „Die bringen auf Dauer nicht viel. Es sind einfach zu viele. Nimmst du einen fest, ist er nächste Woche wieder da. Denen passiert ja nichts.“

Die Statistik der Bundespolizei spricht eine andere Sprache: Laut Bundespolizei war die Kriminalität 2024 auf dem Höhepunkt. In jenem Jahr wurden 735 Gewaltstraftaten am Münchner Hauptbahnhof registriert – deutlich mehr als die 569 im Jahr 2023. Laut Sprecher Wolfgang Hauner lag das vor allem an der Befriedung des Alten Botanischen Gartens. Stadt und Polizei hatten dort Trinker und Dealer vertrieben – die gingen einfach zum Hauptbahnhof.

Darauf reagierten Bundes- und Landespolizei und die Deutsche Bahn Sicherheit ab Herbst 2024 mit Schwerpunktmaßnahmen, sagt Hauner. Folge: Die Zahl der Gesamtstraftaten sank von Januar bis August 2025 um 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – von 2058 auf 1352 Straftaten. Die Gewaltkriminalität allein sank laut Hauner in dieser Zeit um 13 Prozent – von 445 auf 389 Fälle. Den großen Rest machen laut Hauner vor allem Schwarzfahrer, Diebstähle und Sachbeschädigungen aus. Trotz sinkender Zahlen seien weitere Kontrollen wie dieses Wochenende notwendig, sagt Hauner: „Die Zahlen gehen nach unten – aber bei Weitem nicht auf das Niveau, das wir uns wünschen.“T. GAUTIER/G. WINTER

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