Im Skigebiet am Fellhorn im Allgäu soll ein Sessellift erneuert werden. Das sorgt für erhitzte Gemüter. © Hildenbrand/dpa
Oberstdorf – Die Fellhornbahn GmbH in Oberstdorf im Allgäu will einen in die Jahre gekommenen Sessellift in ihrem Skigebiet auf gleicher Trasse erneuern. Der Ausbau der Scheidtobelbahn treibt Naturschützer auf die Barrikaden. Denn das Vorhaben ist, wie das bayerische Bauministerium bestätigt, das erste seiner Art, das ohne Umweltverträglichkeitsprüfung umgesetzt werden dürfte.
Grund ist das im Sommer in Kraft getretene dritte bayerische Modernisierungsgesetz. Damit will die Staatsregierung von CSU und Freien Wählern die Entbürokratisierung in Bayern voranbringen. Nun gelten andere Vorgaben, ab wann eine Umweltverträglichkeitsprüfung bei Beschneiungsanlagen, Skipisten und Seilbahnen Pflicht ist.
Zwar weist das Bauministerium darauf hin, dass auch nach der Gesetzesänderung die Natur- und Umweltschutzgesichtspunkte grundsätzlich Bestandteil des Bau- und Betriebsgenehmigungsverfahrens blieben. Für den Fall am Fellhorn bedeutet die Neuerung aber konkret: Weil die statt dem Zweier-Sessel- geplante Sechser-Sesselbahn nur 1430 Meter lang werden soll und damit nicht länger als 1500 Meter ist, ist keine Umweltverträglichkeitsprüfung Pflicht.
Für Oppositionsparteien und Naturschutzverbände ist das eine Katastrophe. Bund Naturschutz und der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) kritisieren, dass sich die Sesselbahn in Teilen in einem Naturschutzgebiet, einem FFH-Gebiet und einem europäischen Vogelschutzgebiet befinde. Der Umbau der ersten Skipiste laufe bereits, sagt Irmela Fischer von der BN-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu. „Ich habe mir die Baustelle angeschaut und mir blutet das Herz zu sehen, wie rücksichtslos mit unserer heimischen Natur umgegangen wird.“ Die Zahl der Wintersportler, die mit der neuen Bahn fahren könnten, verdreifache sich. Außerdem soll die Speicherkapazität für die Beschneiungsanlagen erweitert werden: Das bisherige Speicherbecken im Skigebiet Fellhorn-Kanzelwand soll nach Informationen des BN von 58 Millionen Liter durch einen Zusatzbau um 170 Millionen Liter für Kunstschnee erweitert werden.
Johannes Krieg, Geschäftsführer der Fellhornbahn GmbH, spricht von „emotionalen Reaktionen“. Zwar könne die neue Bahn statt bisher 1200 Menschen pro Stunde 2900 Menschen bergauf befördern. „Dafür bauen wir aber zeitgleich eine benachbarte Bahn ersatzlos ab. Derzeit können wir 3600 Personen pro Stunde in diesem Gebiet transportieren. In Kombination mit einem kurzen Seillift werden es nach dem Neubau ebenso viele sein“, sagt Krieg.
Die Sorge der Naturschutzverbände, künftig ausgeschlossen zu werden, hält die Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller (Freie Wähler) für unbegründet. Die Verbände hätten nach wie vor das Recht auf Einsicht in die Unterlagen und könnten sich bei relevanten Sitzungen und Gremien informieren. Die auch von den Freien Wählern im Landtag beschlossene Einschränkung bei der Umweltverträglichkeitsprüfung sei gerechtfertigt: „Zu häufig haben die Verbände ihr Beteiligungsrecht nicht als Instrument sachlicher Expertise genutzt, sondern für ideologisch motivierte Fundamentalkritik missbraucht.“MM/DPA