GEDANKEN ZUM ADVENTSBEGINN

Ein Plädoyer für Entschleunigung

von Redaktion

Neulich habe ich von einem Sessellift gelesen, der jetzt ein neues Zuhause hat. Die Sechser-Gondeln vom Jenner sind nach Dachstein-West, Österreich, umgezogen. Weil in dem kleinen Skigebiet jetzt nicht mehr Ski gefahren, sondern bloß noch gewandert wird, brauchen sie ihn dort nicht mehr, sie haben ihn verkauft. Klimawandelbedingte Umstrukturierungsmaßnahme. Und die Österreicher haben für den neuen Lift ihren alten Schlepper abgebaut, ab dieser Saison schießen an der Stelle sechs statt zwei Wintersportler nebeneinander auf den Berg. Ich mag das, wenn aussortierte Dinge anderswo einen Nutzen haben. Flohmarkt-Prinzip, warum nicht auch auf der Piste. Dann bin ich an unserem Familienkalender vorbeigelaufen und nachdenklich geworden.

Wir kommen gleich wieder zur Lift-Geschichte, aber erst mal: Advent. Es gibt in dieser Jahreszeit durchaus lauschige Momente, auch mit kleinen Kindern: Plätzchen, Teestündchen, Basteleien, Lese-Nachmittage, Lichterketten-Zauber. Gemütlich! Aber vollgepackt sind die Wochen, bis das Christkind kommt, Halleluja. Vielleicht nicht ganz so schlimm wie der Juli: Sommerfest, Grill-Einladung, Freibad, Badesee – aber auch anstrengend. Weihnachtspost, Weihnachtsdeko, Zuckerbäckerei, Geschenke, geputzt werden muss auch noch – und was essen wir eigentlich an Heiligabend? Tja, mag jetzt der eine oder andere sagen, jeder selber schuld, der sich hetzen lässt von Dingen, die eigentlich schön sein sollen. Stimmt. Ich mag den Zirkus ums Fest des Jahres, aber mitten im Termin-Karussell sehne ich mich manchmal nach Ruhe statt Raserei. Nach Tempo Schlepplift statt Sechser-Sessel-Spitzengeschwindigkeit.

Und damit zurück ins Skigebiet. Es gibt ja immer mehr superschnelle, moderne Lifte und Gondeln. Erbarmungslos knallt einem der Sitz in die Kniekehlen, ja keine Sekunde vergeuden, Spitzenauslastung mit Popo-Heizung, rauf auf den Gipfel. Aber wer zum Winterglück keine Kilometer-Rekorde auf der Fitnessuhr braucht, weiß: Nichts entschleunigt so fein wie der orange-schwarze Bügel eines Schlepplifts. Der zieht und zockelt dich im Schneckentempo auf den Berg – manchmal ist sogar Stillstand, wenn der Kerl zwei Bügel weiter die Spur nicht halten kann. Da kannst du machen, was du willst: fluchen, wütende Atemwölkchen auspusten, anschieben. Aber: Ein Überholvorgang im Sprint ist nicht vorgesehen. Am Ende kommt jeder (na gut, fast jeder) an, einer nach dem anderen. Durchschnaufen!

So mache ich das jetzt mit dem Advent. Nach einer rasanten Schussfahrt durch eine volle Vorweihnachtswoche lasse ich mich einfach mal hängen. Mehr Schlepper! Weniger Speed! Wenn‘s klappt, probiere ich das auch an Ostern. Und im Sommer sowieso.

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