Intimus von Hitler: Hermann Esser (re.) zusammen mit dem Weiß Ferdl 1933 auf dem Obersalzberg. © Archiv
Fast 1000 Seiten über Esser: Historiker Paul Hoser in seiner Wohnung, die einer Bibliothek gleicht. © Marcus Schlaf
Der Münchner Historiker Paul Hoser (78) hat eine Biografie von Hitlers engem Vertrauten Hermann Esser geschrieben. Esser (1900–1981), ein fanatischer Antisemit, war Parteimitglied Nummer 2. Obwohl er zeitweise bayerischer Wirtschaftsminister war, ist er weithin unbekannt.
Warum wollten Sie ausgerechnet über Hermann Esser eine Biografie schreiben?
Da sind wie oft Zufälle im Spiel. Ein befreundeter Historiker wies mich auf Esser hin, weil er in Röhrmoos im Landkreis Dachau geboren wurde. Zunächst dachte ich an einen regionalgeschichtlichen Aufsatz. Aber die Bedeutung Essers ragt weit über die Region hinaus. Er kommt in vielen Hitler-Biografien vor, aber immer nur en passant.
Er erhielt 1925 bei der Wiedergründung der NSDAP die Parteinummer 2 direkt nach Hitler. Aber seit wann war er wirklich dabei?
Er stieß schon im Sommer 1919 im Alter von 19 Jahren zu Hitler, wahrscheinlich in einer Zeit, da Hitler noch im Auftrag der Reichswehr Vorträge in sogenannten Aufklärungskursen zur Politik hielt – also noch bevor er im Winter 1919 dann der Deutschen Arbeiterpartei DAP, Vorläufer der NSDAP, beigetreten war. Er blieb ihm treu ergeben bis zum Schluss. Noch im Februar 1945, als Hitler nicht mehr nach München kam, hielt Esser für ihn den alljährlichen Festvortrag zum Jahrestag der Parteigründung. Mir ist keine andere Person bekannt, die wirklich vom allerersten Anfang bis zum Ende fanatischer Nationalsozialist und Hitler-Anhänger gewesen wäre.
Esser war in den 1920er-Jahren im Münchner Stadtrat. Ließen sich damals andere Parteien auf eine Zusammenarbeit ein, Stichwort Brandmauer?
In den Stadtratswahlen im Dezember 1929 bekam die NSDAP acht von 50 Sitzen und war damit die drittstärkste Partei nach SPD und Bayerischer Volkspartei. Um die Wahl des bisherigen SPD-Bürgermeisters Eduard Schmid zu verhindern, stimmten die Nationalsozialisten in der Stichwahl im Stadtrat für den BVP-Kandidaten Karl Scharnagl. Man muss wissen, dass 1927 die Gemeindeordnung geändert worden war. Danach wurde der Bürgermeister nicht mehr direkt gewählt, sondern vom Stadtrat. Scharnagl bekam nun 23 Stimmen, vermutlich die zwölf der BVP-Stadträte, die acht der NSDAP und die drei der Deutschnationalen.
Scharnagl wurde von den Nazis ins Amt gehievt?
Esser hatte dies mit Hitler so abgesprochen. Er hoffte, als Gegenleistung würden der NSDAP eine Reihe wichtiger Referate zugeteilt. Die Rechnung ging aber nicht auf. In der unsicheren Zeit der Weltwirtschaftskrise zog die BVP es vor, sich mit der SPD abzusprechen, mit der zusammen sie eine satte Mehrheit hatte. Da gab es keine Zusammenarbeit mit den Nazis.
Den Begriff Brandmauer gab es damals nicht?
Nein. Unter ihrem Fraktionsvorsitzenden Esser betrieb die NSDAP eine Politik der reinen Agitation und Obstruktion, was Esser, der in den Sitzungen immer wieder pöbelte, auch ganz offen zugab. Damals verlief die Diskussion über den Umgang mit Rechtsradikalen aber anders als heute: Fast allen bürgerlichen Parteien ging es darum, sie einzubinden, sie durch Regierungsbeteiligung zu zähmen und in die Verantwortung zu nehmen. Ein fataler Fehler, wie man weiß.
Esser war schon früh ein wüster Antisemit. War das seiner Parteikarriere förderlich?
Essers antisemitische Agitation war in der Exzessivität der Wortwahl und im Inhalt oft nahezu deckungsgleich mit der von Hitler selbst. Sein einziges Buch, erschienen 1927, hieß „Die jüdische Weltpest“. Nach 1933 war die Propaganda für die Partei nicht mehr sein Hauptaktionsfeld und der vulgäre Antisemitismus nicht mehr kennzeichnend. Aber eine Parteikarriere im eigentlichen Sinn, das heißt mit einem hohen Funktionärsrang wie Reichsleiter, machte Esser, der seine Bedeutung ausschließlich der persönlichen Beziehung zu Hitler verdankte, nie. Dazu hätte ein Mindestmaß an organisatorischer Arbeit gehört, die ihm überhaupt nicht lag.
Was machte Esser ab 1945?
Erst wurde er am 11. Mai 1945 in seinem Haus in Thankirchen bei Dietramszell von US-Einheiten verhaftet. Er war in verschiedenen Internierungslagern und im Nürnberger Zellengefängnis. Er sollte als Zeuge im Prozess gegen den ehemaligen Reichspressechef Otto Dietrich aussagen. Da er aber dazu nichts wusste, kam er frei. 1949 wurde er als Hauptschuldiger zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Er kam ins Internierungslager Eichstätt, aus dem er schon 1950 entlassen wurde. Immer wieder versuchte er, sein Wissen zu Geld zu machen. Esser wurde also als NS-Täter gesucht und juristisch belangt, aber trotz seiner wüsten antisemitischen Vergangenheit geschah ihm wenig.
Die Biografie
„Hermann Esser. Ein früher Gefolgsmann und Agitator Hitlers“ erscheint in der Reihe „Materialien zur bayerischen Landesgeschichte“ (974 Seiten, 98 Euro).