Landwirte protestierten wegen der BSE-Krise im Januar 2001 in München. © Imago
Rottenbuch – Jürgen Scholz war ein erfahrener Tierarzt, schon 1976 hatte er die Praxis seines Vaters in Rottenbuch im Kreis Weilheim-Schongau übernommen. Doch so einen Fall wie bei der Rottenbucher Kuh hatte der damals 50-Jährige noch nie gesehen. „Ich war schon mehrmals wegen ihr auf dem Bauernhof gewesen. Sie hatte zentralnervöse Störungen, die auf keine Krankheit passten“, sagte er. Deshalb tippte Scholz auf BSE. Und er hatte Recht.
Die Rinderseuche war damals vor allem in Großbritannien bekannt, wo schon in den 90er-Jahren hunderttausende Kühe getötet wurden. Die Kuh in Rottenbuch war der erste Fall in Deutschland, bei dem die Krankheit bei einem lebenden Tier ausgebrochen war. Die Nachricht ging durchs ganze Land – oft in Kombination mit Filmen, die zeigten, wie Kühe wegen des „Rinderwahnsinns“ stolperten und schreckhaft reagierten, weil ihre Gehirne durch die Krankheit schwammartig durchlöchert waren. Die Preise für Rindfleisch brachen in Deutschland ein, Landwirte fürchteten um ihre Existenz, vor allem nach dem ersten bestätigten BSE-Fall am 26. November bei einer Kuh in Schleswig-Holstein.
Doch die Rottenbucher Kuh war schon deutlich vorher auffällig geworden: „Am 2. November haben wir sie schließlich eingeschläfert“, sagt Scholz. An das Datum erinnert er sich noch genau. Auch Sabine Tralmer, die heutige Vize-Leiterin des Veterinäramts Weilheim, erinnert sich noch gut an diese Zeit zurück. „Ich hatte damals gerade meine Tierarztausbildung abgeschlossen und ein Praktikum bei Jürgen Scholz gemacht“, erzählt sie. Nachdem die Kuh eingeschläfert war, mussten sie und Scholz ihr den Kopf abtrennen. „Er hat zu mir gesagt: Den bringst du jetzt ans Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit nach Oberschleißheim.“
Es war die merkwürdigste Fracht, mit der sie je unterwegs war. „Wenn mich die Polizei angehalten hätte, was hätte ich denen gesagt?“, überlegt Tralmer und lacht. Fast ebenso ungläubig wurde sie dann am LGL angeschaut, als sie mit ihrem Kuhkopf dort ankam. Als sie ihre Fracht abgeliefert hatte, war ihr Auftrag erledigt.
Und es folgte: nichts. Zwar war sich Scholz relativ sicher, dass die Rottenbucher Kuh an BSE gelitten hatte. „Doch wenn ich nichts mehr höre, ist der Fall für mich abgeschlossen“, sagt er. Was hätte er auch tun sollen? So vergingen die Tage und Wochen, nach dem Fall in Schleswig-Holstein sowie einem weiteren im Oberallgäu wurde die Aufregung immer größer – bis der 20. Dezember kam. An diesem Tag teilte die damalige Gesundheitsministerin Barbara Stamm dem damaligen Landrat Luitpold Braun den positiven BSE-Test mit.
Wie sich herausstellte, was ein erster Test noch negativ gewesen. Die Probe wurde dann nach Tübingen zur Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere geschickt. Dort hieß es, sie müsse in Erlangen getestet werden. Und diese Probe war dann positiv.
Am 20. Dezember 2000 brach der mediale Wahnsinn über den Landkreis herein. Im Sitzungssaal des Weilheimer Landratsamtes drängten sich nachmittags auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die Reporter und Fernsehteams und löcherten Landrat Braun und Veterinäramts-Leiter Konrad Renner mit Fragen. Renner, der von Braun am Vormittag informiert worden war, war daraufhin sogleich nach Rottenbuch geeilt, um dem betroffenen Landwirt die niederschmetternde Nachricht persönlich zu überbringen.
Der Hof wurde gesperrt, alle 18 Kühe, 14 Jungtiere, der Stier und zwei Kälber wurden getötet. „Die Lastwagen, die die Tiere abgeholt und zur Tierkörperbeseitigung nach Kraftisried gebracht haben, kamen nachts, damit es niemand mitbekommt“, sagt Tierarzt Scholz. Denn auch der Bauernhof wurde von Journalisten und Kamerateams aus ganz Deutschland belagert. Für den betroffenen 35-jährigen Landwirt brach eine Welt zusammen, obwohl er natürlich entschädigt wurde. Doch der Verlust des kompletten Tierbestand war auch emotional sehr schwer.
Dass kontaminiertes Tiermehl die Ursache für BSE war, war schon damals vermutet worden und wurde später bestätigt. Nach dem Verbot der Tiermehl-Fütterung war die Zahl der BSE-Fälle schnell rückläufig. Laut Scholz wird heute nur noch sehr sporadisch getestet. Er selbst war noch bei drei weiteren positiven BSE-Fällen beteiligt: einem ebenfalls in Rottenbuch und zwei in Böbing. „Nur bei einem ist noch der gesamte Bestand gekeult worden, bei den anderen beiden war es nur der Jahrgang.“
Die Zeit damals sei schlimm gewesen, sagt er. „Die Bauern sind angefeindet worden, obwohl sie nichts dafür konnten. Aus Angst durften nicht mal mehr Kinder auf betroffenen Höfen spielen. „Das war wirklich furchtbar.“
Heute erinnert nur ein Kästchen bei der Blutspende an die damalige Aufregung: Spender müssen ankreuzen, ob sie vor 1998 in Großbritannien waren oder auf der Insel eine Blutspende erhalten haben. BORIS FORSTNER