Aufs Wesentliche begrenzt: Weihnachtsfeste mit Demenzpatienten sollten ruhig verlaufen. © Hildenbrand/dpa
München – Viele Menschen an einem Tisch versammelt zum traditionellen Gans-Essen. Es herrscht im Haus ein buntes Treiben, alle reden durcheinander, die Kinder springen durch die Wohnung. Was für viele Menschen zum normalen Weihnachtstrubel dazugehört, ist für Menschen mit Demenz das pure Chaos. Das Durcheinander überfordert sie. Anja Kälin, Familiencoach bei Desideria Care, einem Verein für Angehörige von Menschen mit Demenz, kennt das von ihrer Mutter. „Die Reizüberflutung kann eine Schwierigkeit werden. Wir hatten das Gefühl, es ist alles eine einzige Anstrengung für sie.“ Und es wurde klar: Das Gans-Essen mit elf Gästen kann es so nicht mehr geben.
„Weihnachten ist ruhiger geworden“, schildert Kälin in einem Podcast des Vereins. Man müsse pragmatisch damit umgehen, wenn man einen Menschen mit Demenz in der Familie hat. Vom Anspruch, Weihnachten soll ein perfektes Fest sein, muss man sich als Angehöriger schnell verabschieden, erklärt Desiree von Bohlen und Halbach, Gründerin von Desideria Care. „Druck ist für Menschen mit Demenz das Schlimmste. Über Gerüche oder den Anblick des Weihnachtsbaums können Emotionen von früher hochkommen, die man nicht auf dem Schirm hat.“ Im besten Fall positive. Doch das können auch bedrückende Erinnerungen sein. In jedem Fall sei es hilfreich, die Emotionen zu benennen und ernst zu nehmen. Das Wichtigste für die Angehörigen sei: die Erkrankung zu akzeptieren.
Desideria Care unterstützt Angehörige mit Seminaren, Coachings, Videoberatung, monatlichen Gruppentreffen. Angehörigen-Beraterin Ingrid M. Ecker (59) kennt die Schwierigkeiten, die an Weihnachten auf Familien mit Demenz-Betroffenen zukommen können. Sie hat ihre Mutter zehn Jahre lang gepflegt, seit vier Jahren ist auch ihr Bruder pflegebedürftig. In den Tagen rund ums Fest und den Jahreswechsel erleben oft Familienmitglieder den Erkrankten, die nicht immer mit ihm zusammen sind. Es sei wichtig, vorher mit dem Besuch zu sprechen und ihn auf die Situation vorzubereiten. Hilfreich sei es auch, in der Familie zu beraten, ob man sich nicht an Weihnachten aufteilen solle – so, dass nicht alle zur gleichen Zeit da sind, „auch wenn das eigentlich seit ewigen Zeiten so gewesen ist“.
Wenn viele zusammenkommen, könne die Unruhe belastend für die Betroffenen sein, weiß Ingrid Ecker und rät dazu, die Treffen zu entzerren. „Es sollten, je nach Grad der Erkrankung, nicht mehr als drei oder vier Leute am Tisch sitzen. Man sollte darauf achten, nacheinander zu sprechen und nicht kreuz und quer.“ Menschen mit Demenz könnten sonst nicht mehr folgen und fühlten sich ausgeschlossen.
Kreativ muss man werden, empfiehlt auch Anja Kälin im Podcast. Die Weihnachtserlebnisse mit ihrer Mutter wurden immer kürzer. Magische Momente hat Musik transportiert. Etwa in einer Kirche. Oder sie ist mit der Mutter an Heiligabend zum Friedhof in der Nähe gegangen, wo am Nachmittag eine Bläsergruppe Weihnachtslieder im Freien spielt. Sie habe sich dort wohlgefühlt unter freiem Himmel. „Zuletzt war unsere Mutter nur noch zum Baumschmücken bei uns.“ Rituale demenzfähig machen, nennt sie das.
Der Verein, der von Spenden lebt, hat „Familienpakete“ für Angehörige zusammengestellt im Wert von 500 Euro. Diese kann man spenden. Mit einem solchen Paket kann der Verein eine Familie ein Jahr lang begleiten und unterstützen. CLAUDIA MÖLLERS
Weitere Informationen unter
www.desideria.org