Ein schaurig-schönes Weihnachtsfest

von Redaktion

Nebelfrauen, Schneegespenster & Frau Percht: Experte über Winterbräuche im Wandel

Lametta am Baum und viele Süßigkeiten: zwei Buben an einem Heiligabend in den 1960er-Jahren. © Poss/PA

Vom Kinder- bis zum Sachbuch: Autor Alfons Schweiggert lebt in München. © Marcus Schlaf

Die Postkarte aus der Zeit um 1900 zeigt das Weihnachtsfest in einer Bauernstube. © imago

Das Bärbeltreiben ist im Allgäu am Barbaratag Brauch. © Tourismus Hörnerdörfer

München – Weihnachten war mal ein Schauerfest – samt blutrünstiger Nebelfrauen, Schneegespenster, Windsbräute und Sturmdämonen. Das drastische Gegenteil vom freundlichen, pausbäckigen Weihnachtsmann, mit dem Coca-Cola seit den 1930ern Werbung treibt. „Die Advents- und Weihnachtszeit ist zu einem hemmungslosen Konsumfest geworden“, sagt der Münchner Autor Alfons Schweiggert und wünscht sich auch heuer wieder, dass die Menschen weniger dem Geschenke-Wahnsinn, sondern lieber alten Bräuchen frönen.

1947 geboren, sah sich Schweiggert als Bub daheim im Kreis Dachau durchaus noch mit Nikolaus und seinem ungemütlichen Kompagnon Krampus konfrontiert. Besuchte er kurz vor Weihnachten die Verwandten in Niederbayern, warnten sie ihn: Der Bluadige Thamerl würde seinen blutigen Fuß in die Stube strecken und freche Kinder holen. Und tatsächlich polterte der Thamerl damals gegen die Tür! Diese bösartige Version des Heiligen Thomas – im Bayerischen Wald der „Thamma mit‘n Hamma“ – könnte einst durch Metzger entstanden sein, die am Thomastag (21.12.) die Mettensau für die Festtage schlachteten.

„Da begann auch das Ausräuchern von Haus und Stall“, erklärt Schweiggert. Das Anzünden geweihter Kräuterbündel sollte bis Heilig Drei König – die Raunächte hindurch – Unheil fernhalten. Böse Geister trieben ja schon seit Allerheiligen ihr Unwesen, so glaubte man. Die immer kürzer werdenden Tage, das Absterben der Natur, klirrende Kälte, todbringende Schneestürme und stockdunkle Nächte regten die Fantasie der Menschen an. Heidnischer und christlicher Glaube kreierten eigenartige Wesen. Sie und die dazugehörigen Winterbräuche erforschte Schweiggert für sein neues Buch.

Der Bluadige Thamerl ist nur ein Beispiel für jene Wesen mit zwei Gesichtern. Bis heute stellt man am 4. Dezember frisch gebrockte Obstbaum-Zweigerl ins Wasser, damit die heilige Barbara sie blühen lässt. Der Hauch von Frühling mitten im Winter bringt Segen ins Haus, heißt es. Im Allgäu aber wird der Barbaratag lauter zelebriert: Da schlüpfen (unverheiratete) Frauen ins Gewand alter Weiber und ziehen mit Glocken und Ruten durch den Ort. Das „Bärbeltreiben“ soll, wie Krampus- oder Perchtenläufe, böse Dämonen vertreiben. Die „Wildbärbele“ teilen fruchtbarkeitsfördernde und glücksbringende Rutenstreiche an Passanten aus und fegen Unrat von Haus und Hof. Diese bedrohlichen Abbilder der Märtyrerin Barbara huldigen also gleichzeitig einer Art Erd-Mutter, die schleunigst den Frühling, also Leben, zurückbringen soll.

Passend zum Heiligen Andreas gibt es den gespenstigen Andre sowie die Heilige Lucia und Schiarche Luz. „All diese Heiligen sind für ihre Gottesfürchtigkeit gestorben“, erklärt Schweiggert. „Weil dabei das Böse Gutes ausgelöscht hat, tragen sie in der dunklen Winterzeit auch ein böses Gesicht.“ Lucia ist die Gabenbringerin mit Kerzenkrone, aber auch boshafte Rachegöttin mit Schwert, weil sie durch eben dieses starb. Am 13. Dezember sollte man nach altem Aberglauben lieber nicht mit spitzen Dingen hantieren: Spinnen, Nähen und Brotbacken sind verboten. Ausräuchern hilft. Nur nicht faulen Kindern und Mägden, denen die Luz den Bauch aufschlitzt.

Bei diesen Gruselgeschichten und denen von Teufeln, Werwölfen und Haberngoaßn verwundert es, dass aus dem einst so schaurigen Weihnachten das heimelige Familienfest von heute wurde. Zunehmender Wohlstand hat die Dämonen von einst wohl aufgefressen. Seit dem Wirtschaftswunder muss sich das Gros der Menschen keine Gedanken mehr darüber machen, im Winter satt zu werden. Frühere Generationen lebten von und mit der Natur und fürchteten die entbehrungsreiche Jahreszeit.

„Die Grausamkeit der Natur spüren wir in warmen Häusern bei üppigen Mahlzeiten und Geschenken zur Weihnachtszeit lange nicht mehr“, sagt Schweiggert. „Das heißt nicht, dass man Bräuche, die für Negatives stehen, wegschubsen sollte.“ Die Ängste von damals wünscht sich der Autor freilich nicht zurück. Aber die Rückbesinnung auf die Naturverbundenheit der damaligen Bräuche. „So was wie den Weihnachtselfen aus den USA, der jetzt auch hier von vielen Familien gefeiert wird, brauchen wir nicht. Eine leere Kitschfigur kann nicht mit Brauchtum wie unseren Weihnachtsgeistern konkurrieren. Wenn wir Perchtenläufe nicht als Gaudi und alte Geschichten nicht als Märchen begreifen, sondern den reichen Sinn dahinter sehen.“

Ein über Jahrhunderte verehrter Wintergeist ist für Schweiggert das beste Beispiel: „Wenn es schneit, schüttelt Frau Holle die Betten aus. In der Märchenfigur steckt Frau Percht. Die liebe Frau Holle belohnt die Fleißigen. Die böse Frau Percht bestraft Faule.“ Jene Erdgöttin schützte Haushalt, Vieh und Ackerbau und nahm als Totengöttin das Leben auch wieder an sich. „Kein Wunder, dass sie im Winter, als die Existenzängste am größten waren, gefürchtet war. Und viel verehrt, als sie wieder Leben schenkte.“ CORNELIA SCHRAMM

Das Buch

„Von Nebelfrauen und Schneegespenstern: Schaurige Weihnachts- & Wintergeschichten aus Bayern“ (Bayerland, 19,90 Euro).

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