Hörlkofen schreibt Geschichte

von Redaktion

Ältestes Stellwerk Deutschlands nach über 125 Jahren ausrangiert

Die Südostbayernbahn fährt zwischen München und Mühldorf meistens eingleisig. © Dix/Archiv

Ausrangiert: Kurbeln und Beschilderung im Stellwerk. © dw

In die Jahre gekommen: In diesem Holzbau war das Stellwerk Hörlkofen untergebracht. Thomas Seubert (re.) und Gökhan Karaman (Foto von 2024) wurden versetzt. © dw

Hörlkofen – Ende einer Eisenbahn-Ära: In Hörlkofen, einem Dorf im Landkreis Erding, ging vergangenes Wochenende ein Uralt-Stellwerk außer Betrieb. Für die Bahn war es ein fast epochales Ereignis, über das sogar Philipp Nagl im Bahnforum „Drehscheibe“ berichtete. Nagl ist der Vorstandsvorsitzende der DB InfraGo und somit der neuen Bahnchefin Evelyn Palla direkt unterstellt. „Das Stellwerk ist zu großen Teilen seit 1899 in Betrieb“, schrieb er in seinem Bericht. Damit war es Deutschlands ältestes Stellwerk. Am Sonntag, mehr als 125 Jahre später, war nun Dienstschluss für altertümliche Seilzüge, Hebel und Kurbeln. Alles ausrangiert.

Für Bahnnostalgiker mag es ein trauriger Tag gewesen sein. Kleiner Trost für sie: Der Fortschritt ist an der Bahnstrecke München–Mühldorf eine Schnecke. Sie ist nach wie vor eingleisig. Die Planungen für den Bau eines zweiten Gleises laufen seit Jahren. Weil demnächst infolge der Generalsanierung Nürnberg–Passau verstärkt Güterverkehr auch über München–Mühldorf umgeleitet wird, hat die Bahn immerhin die Vollautomatisierung mehrerer Stellwerke vorgezogen: Die Bahnhöfe Hörlkofen und das benachbarte Thann-Matzbach werden nun vom Elektronischen Stellwerk Dorfen aus gesteuert. Das hat 50 Millionen Euro gekostet. „Ich bedanke mich bei dem Projektteam“, so freute sich Philipp Nagl, „dass die Maßnahme voll im Zeitplan liegt.“

Stippvisite in Hörlkofen: Wer meint, das Bahnpersonal ist von dannen gezogen, der irrt. Klar, der frühere Stellwerks-Chef Thomas Seubert ist jetzt an einem anderen mechanischen Stellwerk eingesetzt. Es gibt noch so einige an der Strecke. Aber vor dem verblichenen Holzbau in Hörlkofen steht nun „Resi“: Es ist das Kürzel für „Reisendensicherer“. Resi nennt sich der Eisenbahner selbst. Zwar ist das Stellwerk außer Betrieb. Auch die Monitore innen drin, mit denen ein extra ausgebildeter Bahnübergangsbeobachter die Bahnschranken im Blick behielt, sind erloschen. Resis Aufgabe ist es aber, den zwischen Gleis 1 und 2 liegenden Bahnsteig zu sichern. Er ist relativ schmal, das ist das Problem.

Während der Mann erzählt, nähert sich eine wummernde Diesellok englischer Bauart mit schweren Kesselwagen. Rasch springt der Bahnmitarbeiter auf den Bahnsteig, schließt eine Kette – damit der Bahnsteig abgesperrt ist und ihn niemand während der Vorbeifahrt betritt. Fünf Mann hat die Bahn dafür abgestellt, denn der Schließdienst muss Tag und Nacht, auch am Wochenende, funktionieren. Das ist Vorschrift des Eisenbahnbundesamts, sagt der Bahnbedienstete und muss selber lachen. Na ja, er ist kurz vor dem Ruhestand, der Job sei ja nicht schwer. Der andauernde Schichtdienst schlauche dagegen. Erst kürzlich sei in einem Nachbar-Stellwerk ein Kollege umgekippt. Wahrscheinlich das Herz – ein Todesfall kurz vor der Rente.

Wie lange nun die fünf Resis im Dienst sein werden? Vielleicht nur bis nächstes Jahr. Während des Gesprächs kommt ein Trupp von Planern in orangen Westen vorbei. Es steht wieder Großes an in Hörlkofen. Gleis 2 soll nächstes Jahr einen Außenbahnsteig in Modulbauweise erhalten. Dann werde eine Brücke mit Aufzug die beiden Außenbahnsteige von Gleis 1 und 2 verbinden und der Mittelbahnsteig außer Betrieb genommen. So erzählt es einer der Planer. Kleines Problem: Wenn die Strecke komplett zweigleisig ausgebaut wird, dürfte das alles hinfällig sein. Aber vor 2036 werde das eh nichts.

Immerhin: Das Stellwerk Hörlkofen ist Geschichte. Bleibt die Frage, welches Stellwerk nun das älteste Deutschlands ist. Darüber wurde im Bahnforum „Drehscheibe“ spekuliert. Winden in der Pfalz wurde genannt – die Anlage steht offenbar ebenfalls seit 1899.DIRK WALTER

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