KOLUMNE

Tacheles reden

von Redaktion

Wir waren am vergangenen Sonntag bei jüdischen Freunden eingeladen – zum feierlichen Entzünden der ersten von acht Kerzen. An Chanukka wird der Befreiung Israels von Fremdherrschaft gedacht, der Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem und damit verbunden eines legendären, achttägigen Lichtwunders, bei dem das Öl für die Kerzen einfach nicht ausging. Alles im zweiten Jahrhundert vor Christus. Wir haben uns gefreut auf das Zusammensein in der „Weihnukka-Zeit“.

Dann die Nachricht, dass schon wieder, diesmal in Australien, Juden, Jüdinnen und ihre Freunde ermordet wurden – als sie am Strand mit über tausend Leuten Chanukka feiern und ihre erste Kerze entzünden wollten. Menschen zwischen zehn und 87 Jahren sind dem Terror zum Opfer gefallen, darunter ein Holocaust-Überlebender, ehrenamtlich engagierte Frauen und Männer, unbeschwerte Kinder und Jugendliche… Kann man im Angesicht entsetzlicher Morde feiern? Kann man Kerzen der freudigen Erinnerung anzünden, wenn Stunden vorher Lebenslicht brutal ausgelöscht wurde? Unsere Gastgeber blieben bei ihrer Einladung. Wir aßen, tranken und redeten. Kein Thema wurde ausgespart. Entsetzen, Verzweiflung, Sorge, neue Hoffnung, der Wunsch nach einem friedlichen Miteinander und Leben ohne Terror bestimmten die große und viele kleine Runden. Dazu Anekdoten, mit dem atemlos machenden jüdischen Humor vorgetragen.

Mir fiel es wie wahrscheinlich allen anderen zunächst schwer, einfach da zu sein. Aber zunehmend hat mir dieser Abend ins Herz geschrieben: Es ist heilsam, beieinander zu sein. Es geht darum, genau hinzuschauen, was geschieht, es ins Gespräch zu bringen und neuen Mut zu fassen, um gemeinsam weiterzuleben. Es war ein jüdischer Gast, der erwähnte, dass ein Muslim, Vater von zwei kleinen Mädchen und Obsthändler, einem der Täter todesmutig die Waffe entwand und damit unzählige Leben gerettet hat.

Von Minute zu Minute wurde deutlicher: Dieser Chanukka-Abend ist kostbar, den anfangs wohl kaum einer dachte, durchstehen zu können. Es ist unverzichtbar, Freundschaft zu bekräftigen und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Notwendig, Sympathie, die man füreinander empfindet, auszudrücken und weit über einen Abend hinaus mit Herzenswärme privates und gesellschaftliches Leben zu gestalten. Wir müssen konsequent Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahnden.

In Sachsen hat an Chanukka ein Themenjahr zur jüdischen Kultur mit dem Motto „Tacheles“ begonnen. Tacheles reden bedeutet, Klartext zu sprechen. Keine Beschönigung, kein falsches Harmoniegesäusel: Unsere jüdischen Freunde und Freundinnen schweben tagtäglich in Gefahr. Das ist die Wahrheit. Tacheles reden ist gut, in diesem Sinne handeln ist genauso wichtig. Denn wir dürfen nicht der menschlichen Finsternis die Macht lassen. Wir müssen Lichter anzünden, damit das Leben siegt.

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