Mittenwald/München – Es gibt kein Entkommen: Wer in diesen Tagen das Radio anmacht, hört fast unausweichlich Weihnachtslieder. In den Innenstädten duftet Glühwein, leuchten Kerzen und stehen Tannenbäume. Im Supermarkt gibt es Schoko-Weihnachtsmänner und Spekulatius. Aber nicht für alle ist es die schönste Zeit im Jahr.
Petra Schult aus Mittenwald im Kreis Garmisch-Partenkirchen wird Weihnachten allein sein. Ihre Eltern und ihr Bruder sind bereits gestorben, die 62-Jährige ist nicht verheiratet, sie hat keine Verwandten. „Erinnerungen an Weihnachten tun weh“, sagt sie. Ihr Haus ist nicht mehr weihnachtlich dekoriert. Sie wird an Heiligabend bis Mittag arbeiten, abends noch mal mit dem Hund rausgehen und dann früh ins Bett gehen.
Viele Menschen sind über Weihnachten allein. Und es werden immer mehr, berichten die Hilfsorganisationen. Sie haben auf diese besondere Situation reagiert und die Dienstpläne in der ambulanten Pflege so angepasst, dass die Mitarbeiter etwas mehr Zeit haben für die Menschen, die sie besuchen. Auch am Hausnotruf sei die Einsamkeit erkennbar. „In der Weihnachtszeit kommt es verstärkt dazu, dass der Knopf versehentlich gedrückt wird“, sagt Carolin Mauz von den Johannitern. Wenn möglich, nehmen sich die Mitarbeiter dann Zeit und hören zu. Auch der Arbeiter-Samariter-Bund kennt das Problem. In der ambulanten Pflege sei zu erkennen, dass Senioren an den Feiertagen immer seltener von ihren Familienangehörigen abgeholt werden, sagt Moritz Wohlrab. „Der Besuch des Pflegepersonals wird so für sie immer wichtiger.“
Auf regionaler Ebene tun die Regionalverbände, was sie können: In Würzburg wird etwa ein Festessen auf Rädern serviert, in Oberbayern besucht die Organisation mit Kindern Seniorenheime, die Rettungshundestaffel Kötz im Landkreis Günzburg lädt einsame Menschen an Heiligabend zum Mittagessen ein. Außerdem spenden die Johanniter Lebensmittel an die Tafeln, die für Bedürftige ein Weihnachtsessen kochen.
Anna Moosheimer und ihre Kollegen vom Krisendienst Oberbayern wissen, dass sie von einigen Menschen an den Weihnachtsfeiertagen besonders gebraucht werden. Vielen Menschen hilft dann jemand, der ihnen zuhört. Genau dafür sind die Krisendienste da. Unter der Nummer 0800/655 3000 sind die Helfer rund um die Uhr und kostenlos erreichbar. „Weihnachten verstärkt oft Sorgen und Probleme, die es das ganze Jahr über gibt“, sagt Moosheimer. Ein großes Thema sei die Einsamkeit. Manchmal machen sie und ihre Kollegen mit den Anrufern einen Plan, um die Tage gut zu überstehen. Manchmal informieren sie über Hilfsangebote in der jeweiligen Region. Und falls mehr Hilfe gebraucht wird, kann ein mobiles Team zu dem Anrufer nach Hause geschickt werden. Moosheimers Appell: anrufen bevor die Krise zu groß ist. „Manchmal warten Menschen zu lange damit, sich Hilfe zu holen.“ Obwohl das Angebot des Krisendiensts so niedrigschwellig ist, müssten sich viele sehr überwinden. „Aber es ist besser zu reden, bevor sich zu viele Sorgen und Probleme aufstauen.“
Die Helfer vom Krisendienst haben auch ein paar Tipps für die Feiertage. Im einigen Familien gebe es Themen, die immer wieder zu Konflikten führen. Es kann helfen, sich vorab zu überlegen, wie man damit umgehen möchte – und in der Familie darüber zu sprechen. Oft sei es auch hilfreich, Aufgaben anders zu verteilen oder gemeinsam zu erledigen, damit es keinen Streit gibt. Genauso wichtig seien Auszeiten vom Trubel. Jeder sollte sich auch Zeit für sich nehmen dürfen. Menschen, die die Feiertage allein verbringen, raten die Experten, sich etwas vorzunehmen, auf das sie sich freuen. Ein Kinobesuch, ein Bad zu Hause, ein guter Film, ein besonderes Essen. Hilfreich kann es auch sein, kreativ zu werden und eine Idee in die Tat umzusetzen – egal, ob Handarbeit, Malen oder neue Rezepte. KWO/EPD/DPA