Vor dem Gerichtssaal mit seinen Fans, es war das Jahr 1997. © Archiv
OB-Kandidat Söllner bei einer Nominierungsversammlung in Bad Reichenhall. © dpa
Liedermacher, Poet, Rebell: Hans Söllner wird an Heiligabend 70 Jahre alt. © pa
Bad Reichenhall – Vielleicht war der Brief, über den er sich natürlich aufgeregt hat, er ist ja immer noch Hans Söllner, leibhaftiger Hitzkopf, doch ein kleines Geschenk. Söllner wird an Heiligabend 70, und weil das in Bayern heißt, dass der Ministerpräsident gratuliert, hat der Liedermacher einen Schrieb von Markus Söder in seinem Bad Reichenhaller Briefkasten gehabt. Neun Zeilen an Herrn Johann Söllner, alles Gute, insbesondere Gesundheit. „Das hättest du dir sparen können“, antwortet Söllner auf Facebook, dort zeigt er den Brief seinen 241 929 Fans. Da ist er, der Söllner-Ton. Irgendwie tröstlich, dass er es auch mit 70 noch beherrscht, das autonome Ausgschamtsein. Was wäre Bayern ohne seinen Hans Dampf.
Was hat er schon geschimpft. Vor zehn Jahren hat er seine Biografie veröffentlicht, darin schreibt er: „Ich bin der Hofnarr, der seinem König sagen darf: ,Meine Güte, was bist du für eine fette, blöde Sau‘.“ Viele, sehr viele hassen ihn dafür, weil sie finden, so darf man einfach nicht reden. Viele ducken sich rein in den Pulloverkragen, weil klar ist, für den Spruch kriegt er jetzt wieder Ärger, wenn auch nicht mehr so wie früher, als ihn die Polizei bei jeder Gelegenheit gefilzt hat. 300 000 Euro hat Söllner angeblich bezahlt für Strafen, Gerichts- und Anwaltskosten, weil er seinen Mund noch nie halten konnte und schon gar nicht wollte. Einem Richter schrieb er lange aus jedem Urlaub eine Karte, damit der sich ärgert. Für seine Fans ist er genau deswegen ein Held. Einer, der sich nichts gefallen lässt.
Woher das kommt, kann man sich denken, wenn man von seiner Kindheit hört. Sein Vater ein prügelnder Trinker, seine Mutter eine kaltherzige Frau, die ihn abtreiben wollte. Keiner, so schreibt er, hatte Erwartungen an ihn. „Und ich konnte zu dem werden, der ich bin.“ Seine Kindheit samt Prügeln, katholischem Kindergarten und Trachtenverein schweißt ihn mit Bayern zusammen. Aber ohne Romantik, ohne Tümelei. Er lernt Koch, dann Automechaniker und wird zum größten Fan dieses Landstrichs, heute noch steht er oft Stunden im Fluss, angelt und blickt voller Liebe auf die Natur. Er singt und dichtet so feinsinnig auf Bairisch, dass neulich im „SZ-Magazin“ einer von der Biermösl-Blosn zugegeben hat, dass sie manchmal neidisch sind. Söllner, der Poet. Aber er wird auch zum größten Kritiker des Freistaats, und zum allerersten Hasser von Nazis, Ungerechtigkeit, Menschenfeindlichkeit.
Schon immer hat er das vor allem an den Großkopferten ausgelassen. Auf seinen Konzerten standen über Jahre fest gebucht Polizisten im Publikum und haben mitgeschrieben, wie er Gauweiler, Strauß, Stoiber und mit besonders viel Herzblut Beckstein beleidigt hat. Die Linken hat er damit eingefangen, aber auch viele, die gespürt haben, worum es eigentlich geht: Dass er sich einsetzt für die Schwachen und für die, die nicht mitlaufen im großen Pulk. Aber er ranzt auch mal seine Fans an, weil sie zu frenetisch klatschen, „wie im Musikantenstadl“. Bitte keine Heldenverehrung.
Söllner gibt immer noch Konzerte. Neulich sogar im Circus Krone, freilich bekifft auf der Bühne, obwohl er privat angeblich lieber nüchtern ist. Regt sich aber ja auch keiner mehr auf, seit Marihuana legalisiert ist, eines von Söllners Leib- und Magenthemen. Aber meistens macht er in kleineren Orten die Hallen voll, Neustadt, Ansbach, Murnau. Wenn er jetzt über die Figur der Grünen-Politikerin Ricarda Lang herzieht, finden das viele blöd, die ihn eigentlich mögen. Und wie er während der Pandemie gegen die Maßnahmen gehetzt hat, brachte ihm Beifall auch aus sehr rechten Ecken. Andere Zeiten.
Das merkt man auch an ihm. 2020 trat er bei der Oberbürgermeister-Wahl in Reichenhall an. Er wolle sich das Ganze mal von innen anschauen, „ned nur imma von außn einipuivern“. Wurde natürlich nix. Wäre auch nix. Dann hätte er keine Zeit mehr, im Austragshäusl zu sitzen und sich zu freuen über seine sechs Kinder, seine Enkel, seine Frau, für die er sich schön macht, wenn sie ein Date haben. Oder um traurig zu sein, weil sein Gockel tot ist. Und um Lieder zu schreiben, gewidmet „den reichen Säcken“, „die das Jahreseinkommen eines normalen Arbeiters nur für ihren Schneider ausgeben“.
Neulich hat er sich mal wieder richtig aufgeregt. Über einen Straßenreinigungs-Gebührenbescheid, 92,99 Euro. Willkür, tobte er. Irgendwann kam ein zweiter Bescheid, 46,50 Euro. „Damit kann ich leben“, so Söllner. Einverstanden sei er aber nicht. Eh nicht. Ach, Hans Söllner, ewiger Rebell. Alles Gute! CARINA ZIMNIOK