„Ich wusste: Wir wurden vergiftet“

von Redaktion

Drogen in Champagner-Flasche: Carola Potrz leidet bis heute unter den schweren Folgen

„Aufgeben ist keine Option“, sagte Carola Potrz gestern im Gerichtssaal.

Der Angeklagte (l.) spricht im Verhandlungssaal mit seinem Verteidiger Philip Müller. © dpa

Ohne ihre Stöcker kann Carola Potrz nicht mehr laufen. Sie erlitt durch den vergifteten Champagner eine Hirnblutung. © privat (2)

Weiden – Ein einziger Schluck aus einer Champagner-Flasche hat das Leben von Carola Potrz völlig auf den Kopf gestellt. Die 41-jährige Krankenschwester aus Weiden ist berufsunfähig. Sie läuft mit Gehhilfe, oft ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie gehörte zu der Gruppe, die am 22. Februar 2022 den Champagner „Moët & Chandon Ice Impérial“ trank – nicht wissend, dass sich in der Flasche flüssiges Ecstasy befand. Ein 52-Jähriger starb danach.

Gestern begegnete sie im Landgericht Weiden dem Mann, dem die Drei-Liter-Flasche als Drogen-Versteck gedient hatte. Er hatte angegeben, dass sie aus einem Lagerhaus im niederländischen Arnheim gestohlen worden war. Theo G. bezeichnet sich selbst als Event-Manager, Eisverkäufer und Cannabis-Gelegenheitsverkäufer – doch mit dem tödlichen Ausgang der Weidener Party will der 46-Jährige nichts zu tun haben. Carola Potrz ist anderer Meinung: „Er soll dafür bezahlen, was er uns angetan hat“, sagte sie.

Eigentlich wollte die zweifache Mama nur mit ihrer Freundin einen alkoholfreien Cocktail an der Bar trinken, dann nach Hause fahren. Doch in der Bar feierte eine Gruppe. Die blickdichte Schampus-Flasche hatten die Freunde für 490 Euro auf eBay gekauft. „Mir wurde ein pinkfarbenes Glas gereicht, ich habe es reflexartig runtergekippt“, sagt Carola Potrz. Sofort war sie in einer anderen Welt: „Als hätte es mir die komplette Speiseröhre verätzt.“ Um sie herum brach Panik aus. Der später verstorbene Harald Z. rannte zur Toilette, um sich zu übergeben, die Kellnerin lag am Boden, auch sie hatte vom Champagner getrunken. Carola Potrz saß zitternd auf ihrem Bar-Hocker. „Erst dann realisierte ich die ölige Flüssigkeit im Glas und wusste sofort: Wir wurden vergiftet.“ Sie habe das Gefühl gehabt, ihre Arme und Beine würden sich auflösen. „Es war, als könnte ich durch Asphalt greifen.“ Sie wollte noch auf ihrer Intensivstation anrufen. Doch dann verlor sie das Bewusstsein.

Erst am Abend darauf wachte sie in einer Regensburger Klinik wieder aus dem Koma auf. Sie überlebte mit einer Stammhirn-Blutung, doch an ein normales Leben ist für sie nicht mehr zu denken. „Ich bin berufsunfähig, falle beim Laufen nach vorne, kann nicht mehr Auto fahren.“ Ihr Lebensgefährte und ihre Eltern begleiten sie zu Therapien – und gestern auch ins Gericht. „Aufgeben ist keine Option, ich habe zwei Kinder“, sagt sie im Angesicht des Angeklagten.

Theo G. lässt das kalt. Der Niederländer will nichts mit der abhandengekommenen Schampus-Flasche zu tun haben. Seine Anwälte fordern, das Verfahren in die Niederlande zu verlegen, nur dort seien die relevanten Zeugen zu befragen. Carola Potrz fordert neben einer gerechten Strafe auch 50 000 Euro Schadenersatz.

Artikel 6 von 11