Viele Jahre war der „Alte Wirt“ ein Treffpunkt in Aising.
Der „Alte Wirt“ in Aising ist abgerissen worden. © C. Schütz
1889 erbaut, 2025 abgerissen: ein Wohngebäude in Bayreuth. © Sven Lutz
München – Eigentlich wäre es Rudolf Neumaier ja lieber, das Sammeln wäre nicht ganz so einfach. Wieder mal ist ein proppenvoller Ordner zusammengekommen mit Fällen. Neumaier ist Geschäftsführer des Landesvereins für Heimatpflege – und der hat nun das dritte Jahr in Folge die Abstimmung „Abriss des Jahres“ gestartet. Dafür hat der Verein besonders bedauerliche Abrissfälle aus ganz Bayern zusammengetragen – mithilfe von Zeitungsartikeln und durch Gespräche mit Kreisheimatpflegern. Aus dem Stapel an Beispielen haben Neumaier und sein Team dann zwölf Abrisse ausgewählt – und die stehen ab sofort auf der Internetseite www.heimat-bayern.de/abriss-des-jahres-2025 zur Abstimmung.
Es ist ein Schmähpreis, den keine Region gewinnen möchte. Dahinter steht aber ein Ziel, erklärt Neumaier. „Wir wollen Aufmerksamkeit schaffen für Gebäude, die das Ortsbild geprägt und Identität gestiftet haben und dennoch verloren gegangen sind.“ Manchmal, obwohl sie eine historische Bedeutung hatten. Sogar zwei Baudenkmäler sind unter den zwölf Kandidaten. Eigentlich gibt das Denkmalschutzgesetz den Landratsämtern die Möglichkeit, Eigentümer zur Erhaltung der Gebäude zu verpflichten, erklärt Neumaier. „Oft ist aber viel Gleichgültigkeit im Spiel – und Baudenkmäler gammeln Jahrzehnte vor sich hin, bis sie nicht mehr zu retten sind.“
Auf der „Abriss-des-Jahres“-Liste stehen in diesem Jahr auffällig viele Gasthöfe: der „Alte Wirt“ in Rosenheim-Aising, der Gasthof „Zum Ochsen“ in Augsburg-Göggingen und die „Alte Post“ in Grabenstätt im Kreis Traunstein. Neumaier erklärt das damit, dass in Bayern immer mehr Gasthöfe leer stehen. „Die Gefahr ist groß, dass es dann irgendwann zum Abriss kommt.“ Ihn macht das traurig. „Gasthäuser sind Orte gelebter Gemeinschaft.“ Wenn er Bilder sieht, fängt sofort seine Fantasie an zu arbeiten, er sieht Stammtische oder Karten-Runden vor seinem inneren Auge.
Aber sein Herz blutet genauso bei vielen anderen Fällen, die im Ordner gelandet sind. Darunter ist zum Beispiel das Lechnerhaus in Prien am Chiemsee, das Ende des 19. Jahrhunderts für die einflussreiche Unternehmerfamilie Lechner gebaut wurde, die mit Sägewerk und Zellstofffabrik die örtliche Industrie geprägt hat. Oder die Kirche „Zu den Acht Seligkeiten“ in Füssen – jahrelang ein Treffpunkt für die religiöse Gemeinschaft. Bis es wegen sinkenden Besucherzahlen zur Profanierung kam. Ausgewählt haben die Heimatpfleger auch ein Wohngebäude in Bayreuth. Es wurde 1889 errichtet und spiegelte mit seiner massiven Ziegelbauweise und den historischen Proportionen die Phase des raschen städtischen Wachstums wider, das Bayreuth geprägt hat. Auch davon ist nichts mehr übrig geblieben.
Auffällig ist, dass es dieses Jahr keine Abrisse aus Niederbayern in die Auswahl geschafft haben, sagt Neumaier. 2024 hatte die Landshuter Wagnergasse den Abriss-Preis gewonnen. Auch in Bad Birnbach hatte es einen Abriss gegeben, der dem Landratsamt einen Rüffel eingebracht hatte. Neumaier macht das ein bisschen optimistisch, dass vielleicht schon etwas mehr Aufmerksamkeit für das Thema da ist. Orte, die schon mal auf der Liste gelandet sind, beachten vielleicht mehr, dass es diesen Schmähpreis gibt.
Neumaier ist überzeugt: „Es gibt Architekten, die auch für alte Gebäude gute Ideen haben. Erst wenn die sagen, ein Gebäude ist nicht mehr zu retten, glaub ich‘s.“ Oft werde aber mit wirtschaftlicher Unzumutbarkeit oder angeblicher Einsturzgefahr argumentiert. Oder damit, dass der Verkehr schneller durch Orte geleitet werden könnte. Der Verein weist nicht nur auf den kulturellen Verlust vieler Abrisse hin, sondern auch auf ökologische Folgen. Denn Abriss und Neubau würden große Mengen an Abfall und CO2 verursachen.
Letztes Jahr haben sich 1700 Menschen an der Abstimmung beteiligt. Neumaier hofft, dass es diesmal noch mehr werden. Er betont aber: „50 Wochen im Jahr weisen wir auf positive Beispiele hin.“ Den Finger in die Wunde legt der Verein am Ende des Jahres – mit dem Appell, genauer hinzusehen und den Wert des Bestehenden neu zu entdecken. KATRIN WOITSCH