Viele Hebammen müssen viele Geburten gleichzeitig betreuen. © Getty Images
München/Neumarkt – Barbara Schrafl ist seit 17 Jahren Hebamme. Sie liebt ihren Beruf. Noch vor einem Jahr hätte sie sich nicht vorstellen können, dass sie einmal übers Aufgeben nachdenken würde. Heute weiß sie nicht, wie lange sie noch durchhalten wird. Und damit ist sie in ihrem Team am Klinikum im oberpfälzischen Neumarkt nicht allein. Freiberufliche Hebammen müssen mit deutlich weniger Verdienst auskommen, seit im November der neue Hebammenhilfevertrag in Kraft getreten ist. Gleichzeitig haben sie einen viel höheren bürokratischen Aufwand. „Nach unserem Dienst müssen wir oft noch eine Stunde zusätzlich für das Ausfüllen der komplizierten Abrechnungsbögen aufwenden“, sagt Schrafl. „So kann und will ich nicht weiterarbeiten.“
Die Hebammenverbände in Deutschland warnen schon seit vielen Monaten davor, dass sich durch den neuen Vertrag die Arbeit für Beleghebammen in den Krankenhäusern nicht mehr rechnen wird. Sie arbeiten freiberuflich, organisieren ihre Schichten im Team, sodass es eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung im Kreißsaal gibt. Ihre erbrachten Leistungen stellen sie den Krankenkassen in Rechnung. Bisher durften die Beleghebammen zwei Frauen gleichzeitig betreuen und eine dritte zusätzlich für maximal eine Stunde. Bei intensiven Betreuungen haben sie ohnehin die Rufbereitschaft dazugeholt, erklärt Schrafl. Mit dem neuen Vertrag will der GKV, der Spitzenverband der Krankenkassen, die Betreuung für Frauen verbessern. Deshalb können freiberufliche Hebammen für die erste Frau, die sie betreuen, 80 Prozent des vereinbarten Stundenlohns abrechnen. Wenn zwei Stunden vor und zwei Stunden nach der Geburt keine weitere Betreuung dazukommt, bekommen sie außerdem einen Bonus. Der fällt aber mit einer zweiten Schwangeren weg. „Auch dann, wenn wir nur einen Monitor checken oder eine andere Frau zehn Minuten untersuchen“, erklärt Schrafl. In der Realität werde dieser Bonus selten ausgezahlt. Für die zweite und dritte betreute Frau bekommen Beleghebammen aber nur noch 30 Prozent des Stundenlohns. Für die vierte Frau gar nichts mehr.
Erste Analysen der Abrechnungszentrale für Hebammen haben seit Anfang November Umsatzverluste von rund 20 Prozent ergeben. Der Bonus für die 1:1-Betreuung sei nur bei 42 Prozent der Geburten abgerechnet worden. Der Bonus kompensiert die 80 Prozent-Stundenlohn-Zahlung aber nicht. Selbst wenn er bei jeder Geburt ausgezahlt würde, würden die Hebammen 16 Prozent weniger verdienen. „Der neue Stundenlohn bleibt weit unter der Bruttolohnsteigerung zurück“, sagt Mechthild Hofner, Vorsitzende des Bayrischen Hebammenverbandes. Der Verdienst ist seit sieben Jahren nicht erhöht worden. Der Verband hatte 88 Euro gefordert, vereinbart wurden 74 Euro. 80 Prozent davon sind 59 Euro. „Der Bonus müsste mindestens verdoppelt werden, damit die Hebammen genauso viel verdienen wie vorher“, erklärt sie. Viele Hebammen würden nun einfach mehr arbeiten, um das zu kompensieren. Auf Dauer durchhalten können sie das nicht.
Der Hebammenverband hatte Ende September eine Umfrage unter den Beleghebammen gemacht. Damals sagte jede vierte, sie werde den Beruf aufgeben, wenn der neue Vertrag in Kraft tritt. Bei einer aktuellen Umfrage sei die Beteiligung höher gewesen, berichtet Hofner. Jede fünfte Hebamme gab an, aufgeben zu wollen oder es bereits getan zu haben. „Viele wollen es im Januar entscheiden.“ Schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird immer schwerer werden, Hebammen zu finden.
Barbara Schrafl hatte in ihrem Team im Neumarkter Klinikum früher 16 Kolleginnen. Eine hat gekündigt, zwei sind schwanger, eine weitere dauerhaft erkrankt. „Wir finden seit April keinen ausreichenden Ersatz“, sagt die 42-Jährige. Auch sie hört, dass viele ihrer Kolleginnen nach den ersten drei Monaten mit dem neuen Vertrag entscheiden wollen, wie sie weitermachen. Schrafl fürchtet, dass viele aufgeben oder in ein Angestelltenverhältnis wechseln werden. „Das wäre fatal“, sagt sie. Denn festangestellte Hebammen müssten oft vier bis fünf Frauen allein betreuen. „Eine 1:1-Betreuung gibt es im Angestelltenverhältnis nur in zwei Prozent aller Geburten.“ Der neue Vertrag könnte also genau das Gegenteil von dem auslösen, was der GKV erreichen wollte. Und die Finanzierung festangestellter Hebammen in Kliniken ist nur bis Ende 2026 gesichert. Bis dahin gilt noch das von der Ampel-Regierung beschlossene ungedeckelte Pflegebudget. Danach könnten viele Kreißsäle geschlossen werden – auf viele werdende Mütter würden dann weite Wege zukommen.