Hungrig nach Diskurs: Simon Fetcher und Marisa Schröder in der Aula der Münchner Uni, wo es auch die Weiße-Rose-Gedenkstätte gibt. © Marcus Schlaf
München – Der Anspruch ist hoch: Sie wollen „die schweigende Mehrheit“ informieren und „Diskursräume öffnen“, sie wollen die ansprechen, „die oft schweigend vorbeigehen“, sie wollen „die Unis repolitisieren“, sich dabei aber auf keine Seite schlagen: So selbstbewusst formuliert der Münchner Jura-Student Simon Fetcher (22) die Ziele des von ihm und anderen Studierenden gegründeten neuen „Studentischen Vereins zur Förderung der Erinnerungskultur e.V.“. Mit 70 Mitgliedern ist der Verein noch klein, hat aber schon einigen Wirbel erzeugt, etwa mit Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen und Exkursionen. Zuletzt organisierte der Verein zum Beispiel eine Stadtführung über München als „Hauptstadt der Bewegung“ und eine Filmvorführung zu Fritz Bauer, den Staatsanwalt, der die Prozesse gegen SS-Leute in Auschwitz in Gang brachte. Ein Vortrag des Holocaust-Überlebenden Abba Naor fiel wegen Krankheit aus, soll aber nachgeholt werden.
Doch es geht nicht nur um die NS-Zeit, auch um aktuelle Themen – etwa Israel. Anders als in den Berliner Unis gab es an der Ludwig-Maximilians-Universität bisher jedenfalls keine gewalttätigen Auseinandersetzungen über Israel, Palästina und Gaza. Doch das Palästina-Camp vor der Uni, etliche Graffiti-Schmierereien und zuletzt im November der Versuch von Aktivisten, die TU zu besetzen, zeigen, dass es unter den Studierenden auch in München gärt. Zumindest bei manchen. Simon Fetcher und die Sprecherin des Vereins, Jura-Studentin Marisa Schröder (19), glauben an die Vernunft der großen Masse ihrer Kommilitonen.
Statt Parolen und Hetze gehe es um Diskurs und Debatte. Radikale Thesen lehnt Fetcher ab. Israel als „Kolonialprojekt“ etwa ist neuerdings eine beliebte Parole der israelfeindlichen „postkolonialen“ Linken. „Ich halte das für falsch“, sagt Fetcher. Die Anziehungskraft solcher Denkweisen erklärt er sich auch mit einer „gewissermaßen linken Weltsicht“, die nach Ungerechtigkeiten geradezu suche und sich schnell auf eine Seite ziehen lasse. Es sei offenbar schwierig, beides anzuerkennen: dass es am 7. Oktober 2023 ein furchtbares Massaker an der israelischen Zivilbevölkerung gegeben habe und dass die Bevölkerung in Gaza durch die Angriffe der israelischen Armee unfassbar gelitten habe und noch leide.
Der Verein soll jetzt schnell an Fahrt gewinnen. Dependancen an anderen Unis – Augsburg, Würzburg – sind geplant, 2027 soll der Verein sogar deutschlandweit am Start sein. Das nächste Projekt ist aber noch auf München beschränkt: Diskussionen im Pizza-WG-Format: „Wir bringen Pizza mit und dann diskutieren wir, zum Beispiel über den Nahost-Konflikt“, sagt Fetcher. Kontakt via Instagram: „Students.remember“.DIRK WALTER