Die Brücke in die Welt der Sehenden

von Redaktion

Louis Braille erfand vor 200 Jahren die Blindenschrift – unerlässliche Hilfe für die 14 600 Blinden in Bayern

A bis Z: das Alphabet in Braille-Schrift. © Getty

München – Louis Braille war drei Jahre alt, als er sich mit einem Werkzeug seines Vaters am Auge verletzte. Beide Augen entzündeten sich – Louis erblindete. Ein großes Unglück für ihn – der Menschheit hat es aber vor rund 200 Jahren die nach ihm benannte Blindenschrift gebracht. Denn der wissbegierige Junge wollte sich nicht damit abfinden, Bücher nicht selbst lesen zu können. Er besuchte ab 1819 eine Blindenschule von Valentin Haüy in Frankreich. Der hatte eine Pianistin kennengelernt, für die ein Setzkasten entwickelt worden war, mit dem sie ihre Noten setzen konnte. Haüy war davon so fasziniert, dass er sich ebenfalls bewegliche Letter prägen ließ. Das begeisterte Louis Braille: Er machte in der Schusterwerkstatt seines Vaters eigene Experimente mit Leder-Stücken. Als Elfjähriger lernte er die Nachtschrift des Artilleriehauptmanns Charles Barbier kennen – ein kompliziertes System von Punkten und Silben. Braille experimentierte erneut, ersetzte die Silben durch Buchstaben und reduzierte die Anzahl der Punkte von zwölf auf sechs pro Zeichen. So konnten 64 verschiedene Zeichen dargestellt werden. 1825 hatte der 16-jährige Louis Braille seine eigene Blindenschrift fertiggestellt.

Für blinde Menschen ist diese taktile Schrift auch 200 Jahre später und trotz moderner Technik unverzichtbar. Nicht jeder möchte sich Bücher vorlesen lassen, sagt Franziska Weigand, die Landesvorständin vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund. 14 600 Menschen in Bayern erhalten Blindengeld. Nicht alle Blinden seien gleichermaßen geübt mit moderner Technik. Weigand ist Grundschullehrerin. Sie findet es sehr wichtig, dass betroffene Kinder die Braille-Schrift auch bei inklusiver Beschulung lernen. „Dafür wünschen wir uns bedarfsgerechte Betreuung durch mobile sonderpädagogische Kräfte“, sagt sie.

Braille-Schrift-Lernen dauert nur so lang wie Lesenlernen

Grundsätzlich dauere das Braille-Schrift-Lernen im Grundschulalter nur geringfügig länger als das Lesenlernen, erklärt sie. „Aber die Kinder lernen auch gleich eine platzsparendere Kurzversion der Braille-Schrift.“ Ähnlich der Stenografie.

Weigand selbst ist erst im Erwachsenenalter erblindet. Sie hat einen Kurs belegt, um die Braille-Schrift zu lernen, erzählt sie. Das hat ein gutes halbes Jahr gedauert. „Allerdings lese ich sehr langsam, weil ich nicht sehr geübt bin.“ Die Braille-Schrift hilft ihr als Beschriftung für Gewürze oder auf Medikamentenpackungen. Im Alltag setzt sie aber eher auf moderne Technik. Elektronische Dokumente wie PDF-Dateien oder ePaper von Zeitungen können über eine Braillezeile am Computer gelesen werden – wenn sie barrierefrei sind. Das ist leider noch zu selten der Fall, sagt Weigand.

Auch im öffentlichen Raum wird die Braille-Schrift eingesetzt. Allerdings müssen Blinde wissen, wo sie sich befindet, damit sie sie nutzen können, erklärt Weigand. An Bahnhöfen befinden sich die Zeichen zum Beispiel an Treppengeländern. „Die Leitstreifen auf dem Boden führen oft dorthin.“

Inzwischen gibt es auch Apps, mit denen blinde Menschen etwas scannen können. Anschließend bekommen sie vorgelesen, was das Handy abfotografiert hat. Diese moderne Technik hätte Louis Braille bestimmt begeistert. Trotzdem glaubt Franziska Weigand nicht, dass technische Hilfsmittel oder die KI seine Braille-Schrift irgendwann ersetzen werden.

Viele Senioren seien nicht technikaffin und fühlen sich mit der taktilen Schrift wohler, sagt sie. „Wer geübt darin ist, liest mit der Braille-Schrift genauso schnell wie andere Menschen mit den Augen.“ KATRIN WOITSCH

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