Der Marienplatz war trotz klirrender Kälte gestern voller Zuschauer.
Die einstudierten Schritte haben eine lange Tradition, seit 1702 ist der Schäfflertanz belegt.
Saisondebüt vor dem Rathaus: Die Schäffler haben noch zahlreiche weitere Auftritte. © Markus Götzfried (3)
München – Mit roten Jacken und grünen Schlegelkappen halten sie die bogenförmigen Buchskränze in die Höhe und bewegen sich im Kreis. Die einstudierten Schritte haben eine lange Tradition. Gestern tanzten die Schäffler wieder zum Auftakt auf dem Marienplatz. Mit ihren Auftritten erinnern sie an eine schwere Zeit: die Pest. Während der Seuche trauten sie sich nach draußen und wollten den Menschen Freude bringen und Mut machen. Und das schaffen sie auch heute noch. Denn der Platz vor dem Rathaus war voll. Viele Münchner kamen trotz klirrender Kälte und sahen den Männern zu. Unsere Zeitung blickte in viele staunende und fröhliche Kindergesichter.
Unter den Zuschauern sind auch Mario (47) und Martina (36) mit Valentin (4) und Johanna (9). Sie haben selbst schon die Schäffler als Kinder gesehen und möchten die Tradition ihren Kindern zeigen. „Sie sind laut, bunt und fröhlich und machen den Menschen Mut“, sagt Mario. Normalerweise tanzen die Fasslmacher nur alle sieben Jahre. Dieses Mal ist ihr letzter Tanz aber erst vier Jahre her. Denn sie traten ausnahmsweise 2022 auf, um nach Corona wieder Freude zu bringen. Ähnlich wie bei der Pest gab es auch in dieser Zeit Ausgangssperren – und die Angst vor Ansteckung war groß.
Daran erinnert auch die dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). „Sie sind ein Symbol für die Münchner Lebensfreude“, sagt sie zu den Tänzern. Dietl hat eine besondere Beziehung zu den Schäfflern. „Ich bin neben der Fassfabrik in Laim aufgewachsen.“ Es sei wichtig, eine so alte Tradition beizubehalten. „Ganz besonders freue ich mich, so viele neue junge Gesichter zu sehen“, ergänzt sie, bevor die Schäffler anfangen zu tanzen. Mittlerweile gebe es 60 Gruppierungen in ganz Bayern. Der Ursprung liegt aber in der bayerischen Landeshauptstadt.
Der Name Schäffler stammt vom Beruf der Fassmacher. Sie sind in der Zeit zwischen Heilig-Drei-König und Fasching in Bayern unterwegs. Die Tänzer nehmen sich dafür frei, denn sie haben bis zu zehn Auftritte pro Tag. Dabei bewegen sie sich in verschiedenen Formationen. Eine davon ist die Schlange. Die Figur soll den Lindwurm darstellen, der symbolisch für die Pest steht. Er ist genauso wie die Schäffler am neuen Rathaus zu sehen. Ihren ersten Tanz führten die Handwerker laut Überlieferungen bereits 1517 auf. Mit einem Dokument aus dem Jahr 1702 ist der Schäfflertanz erstmals belegt.
Auch für Petra Kratzer und Harald Schlapansky ist es ein besonderes Ereignis. Sie kennen einen Tänzer, der auf der Bühne steht. Bis heute können ausschließlich Männer Schäffler sein. Vor dem Jahr 1963 durften nur unverheiratete, gelernte Schäffler mitwirken. Zudem mussten sie mindestens zwei Jahre in München wohnen. Wegen Personalmangel sind seit 1970 auch berufsfremde Teilnehmer erlaubt – bis hin zum Akademiker. In München treten die Schäffler bis zum 17. Februar täglich an anderen Orten auf.
Heute sind sie etwa um 13 Uhr an der Pettenkofer Straße 19 und um 14 Uhr in der Agnes-Bernauer-Straße 97 zu bewundern, morgen unter anderem am Bahnhof Giesing (14 Uhr). Am Samstag tanzen sie um 12 Uhr am Marienplatz, um 13 Uhr am Wittelsbacherplatz.
MARIE-THERES WANDINGER