Glücksgefühle durchs Eisbaden

von Redaktion

Immer mehr wagen die kalte Herausforderung – Ärzte raten zur Vorsicht

Leidenschaftlich gern im kalten Wasser: Daniela Ullmann steigt zweimal pro Woche in den Münchner Eisbach. Aktuell hat das Wasser eine Temperatur von etwa 2 Grad. © Achim Schmidt

München – Einmal hat Jörg Schelling es selbst versucht. Nicht in Bayern, sondern in Japan. Eiskalt war‘s, sagt er. Und er hat schnell gemerkt, dass es nicht förderlich ist, sich beim Eisbaden viel zu bewegen. Denn dadurch kommt der Körper mit noch mehr kaltem Wasser in Kontakt. Erfahrene Eisbader wissen das natürlich. Jörg Schelling weiß dafür umso genauer, was im eisigen Wasser mit dem Körper passiert. Er ist Allgemeinarzt in Martinsried im Kreis München. Und inzwischen holen sich viele seiner Patienten ein paar Tipps fürs Eisbaden bei ihn. „Früher war die klassische Frage: Darf ich in die Sauna gehen?“, sagt er. Heute wollen viele außerdem wissen, ob sie auch ins kalte Wasser steigen dürfen.

Schelling erklärt sich den Trend durch die hohe Präsenz, die das Eisbaden in den Sozialen Medien hat. Dort werden nicht nur Fotos hochgeladen. Viele Eisbader schwärmen auch von den positiven Effekten, betonen wie gut das kalte Wasser für das Immunsystem ist. Stimmt das denn überhaupt? Groß angelegte wissenschaftliche Studien gibt es dazu nicht, sagt Schelling. „Aber Wechselreize tun dem Immunsystem immer gut“, fügt er hinzu. Das kann auch die kalte Dusche sein. Allerdings löse es bei vielen Menschen mehr positive Gefühle aus, in einen eisigen See zu steigen, als die Dusche auf kalt zu stellen, sagt Schelling. „Das zu schaffen ist ein Erfolgsmoment, im Gehirn wird das Eisbaden mit einem positiven Gefühl verknüpft.“ Daraus ziehen viele Menschen Energie. „Der Kopf wird klarer, die Gedanken sind fokussierter.“

Als Arzt rät Schelling allerdings nicht jedem zum Eisbaden. „Durch das kalte Wasser ändert sich die Durchblutung der Haut. Die Gefäße verengen sich, dadurch steigen Blutdruck und Herzfrequenz“, erklärt er. Für alle, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu tun haben, kann das gefährlich sein, warnt er. Auch Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie müssten vorsichtig sein. Grundsätzlich rät er allen dazu, langsam Erfahrungen mit kaltem Wasser zu sammeln. Am besten erst mal zu Hause unter der Dusche. Und ganz wichtig: „Niemals allein eisbaden gehen!“

Auch wenn Schelling sich bei seinem Versuch in Japan sehr überwinden musste, als Arzt versteht er, warum viele Menschen immer wieder ins eisige Wasser wollen. „Dabei werden im Körper Hormone freigesetzt“, erklärt er. „Nicht nur Adrenalin. Auch der Serotoninspiegel steigt.“ Glücksgefühle also, die mächtiger sind als die Kälte.

Daniela Ullmann kann das nur bestätigen. Die Münchnerin hat das Eisbaden vor drei Jahren für sich entdeckt – und will sich heute ein Leben ohne nicht mehr vorstellen. Die 43-Jährige ist Gesundheitstrainerin, hat schon immer sehr viel für ihren Körper getan, aber der Effekt des Eisbadens sei mit nichts vergleichbar, schwärmt sie. „Ich habe mehr Energie. Und eine viel bessere Konzentration.“ Früher habe sie viel Kaffee gebraucht, oder Süßes. Die Zeiten sind lange vorbei, sagt Ullmann. „Das liegt an dem Dopamin, das durch das kalte Bad freigesetzt wird. Dieses Glücksgefühl spürt man sofort, wenn man aus dem Wasser steigt. Und es hält den ganzen Tag an.“

Zweimal pro Woche radelt Daniela Ullmann morgens an den Eisbach und steigt ins aktuell noch etwas eisigere Wasser. Die Vorfreude auf den Effekt ist größer als die Überwindung. Mit ihrer Leidenschaft fürs Eisbaden hat sie schon viele angesteckt, sie gibt mittlerweile Kurse. Und sie hatte mit keiner Erkältung mehr zu kämpfen, seit sie Eisbaden geht, erzählt sie. Aber sie macht es nicht nur für ihr Immunsystem, sondern auch für den Geist. Denn die Kälte stärkt auch mental. „Sie hilft, besser mit Ängsten oder gelassener mit Stress umzugehen.“ Das bestätigen ihr auch viele Kursteilnehmer. Von einem hat sie erst neulich den Satz gehört: „Wenn ich es schaffe, in eiskaltes Wasser zu steigen, schaffe ich auch alles andere.“ KATRIN WOITSCH

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