Im Kreis Rosenheim stehen die Schilder seit August. © dpa
Stau am Irschenberg: Urlauber, die hier feststecken, dürfen seit Weihnachten nicht mehr über die Dörfer ausweichen. © THOMAS PLETTENBERG
Miesbach/Rosenheim – Es kommt ihr vor wie eine Posse: „Wenn man so etwas beschließt, muss man es doch kontrollieren“, wundert sich eine Anwohnerin aus der Gemeinde Irschenberg im Kreis Miesbach. „Sonst bringt das nichts.“ In den Weihnachtsferien seien die Straßen in ihrem Heimatort zuweilen „total dicht“ gewesen. „Viele Urlauber sind von der Autobahn abgefahren.“ Nutzten Landstraßen als Schleichweg. Obwohl das neuerdings verboten ist. Die Polizei habe nichts gemacht. „Die Belastung für Anwohner ist hoch.“
Der Hintergrund: Wie berichtet hat das Landratsamt Miesbach Ende 2025 für den eigenen Landkreis Durchfahrverbote verhängt. Das heißt: Bei Stau auf der Autobahn dürfen Verkehrsteilnehmer nicht auf Landstraßen ausweichen. Diese Regelung gilt seit dem 24. Dezember freitags, samstags sowie an Sonn- und Feiertagen. Und betrifft drei Ausfahrten an der A8: Irschenberg, Weyarn und Holzkirchen. Ziel ist es, umliegende Orte vor Ausweichverkehr zu schützen. Doch bislang zeigt das neue Verbot keinerlei Wirkung. Denn die Polizei führte tatsächlich noch keine Kontrollen dazu durch. Aus einem simplen Grund: „Die erforderlichen Hinweisschilder, die bereits vor Verlassen der Autobahn auf die Durchfahrtsverbote im nachgeordneten Straßennetz hinweisen, wurden noch nicht aufgestellt“, erklärt Daniel Katz, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Dadurch fehlt der Polizei quasi die Grundlage für Kontrollen.
Warum die Schilder fehlen, weiß Josef Seebacher, Sprecher der dafür zuständigen Autobahn GmbH: „Wir haben erst zwei Tage vor Weihnachten von den neuen Durchfahrverboten erfahren.“ So kurzfristig sei es nicht möglich gewesen, die Schilder zu beschaffen. „Diese müssen bestellt, hergestellt und aufgestellt werden.“ Das Anbringen gestalte sich bei Frost schwierig. Außerdem seien seine Kollegen gerade viel mit Winterdienst beschäftigt. Aber: „Die Schilder sind bereits bestellt“, beteuert Seebacher. Ende Januar bis Anfang Februar sollten sie stehen. Es handle sich dabei um einfache Hinweisschilder am Straßenrand, so wie es sie im Kreis Rosenheim bereits gibt.
Dort gelten wie auch im Berchtesgadener Land entsprechende Verbote bereits seit August beziehungsweise September und zeigen Anwohnern zufolge teilweise, aber bei Weitem nicht immer Wirkung. Hier kontrolliere die Polizei „bedarfs- und brennpunktorientiert“ und so, wie es Kapazitäten zulassen, sagt Sprecher Katz. Unfälle oder Straftaten gehen vor. So gab es 2025 dort bereits mehr als 1000 Kontrollen. „Rund die Hälfte der Betroffenen wollte den Stau unzulässig umfahren“, berichtet Katz. „Sie wurden auf ihr Fehlverhalten hingewiesen und auf die Autobahn zurückgewiesen.“ Neben mündlichen Verwarnungen könne es auch zu Ordnungswidrigkeitenverfahren mit Bußgeld kommen. Die Verbote stellen die Polizei vor neue Herausforderungen: Zum Teil müssen große Massen bewältigt werden, wobei die Verkehrssicherheit uneingeschränkt Berücksichtigung finde. Bei den vielen Einzelfallentscheidungen gebe es auch Fälle mit unklarer Sachlage. Beispiel: Es sei oft schwer nachzuweisen, ob jemand nur einen Schleichweg nutzt oder tatsächlich ein WC aufsuchen will. Katz resümiert: „Lückenlose Kontrollen sind nicht möglich.“ Zumal sich die Stauspitzen in einer flexibleren Arbeitswelt oft verschieben, von Freitag auf Donnerstag, ergänzt Seebacher. Obendrein verschärften Google-Maps und Co. die Lage. So nutzten auch Auswärtige ohne Ortskenntnis Straßen durch Dörfer.
Miesbachs Landrat Olaf von Löwis (CSU) lässt sich durch die Schilder-Panne nicht entmutigen: „Enttäuscht bin ich darüber nicht – mir war wichtig, das Thema noch vor Weihnachten auf den Weg zu bringen“, sagt er. Die Initiative habe er auch aus Solidarität mit anderen Kommunen unterstützt. „Schön wäre es gewesen, wenn es bereits an den verkehrsstarken Weihnachtstagen umgesetzt worden wäre. Ich hoffe, dass das Durchfahrtsverbot bald wie geplant funktioniert.“