In guten Händen: Otto Braun mit dem Heiligen Johannes im Kloster Münsterlingen. © Kästle/dpa
Der Motorsportclub Dießen organisierte ein Autorennen. © MSC
Raketenpionier Max Valier startete 1929 auf dem Starnberger See. © Dt. Museum
Die Eisprinzessin aus dem Jahr 1963: Eine Frau posierte neben einem VW Käfer auf dem zugefrorenen Bodensee. © Helmut Zilcher
Altnau/Starnberg/Dießen – Der heilige Johannes ist alles andere als reisebereit. Die Holzbüste befindet sich gut geschützt in einem grünen Tresor der Kirchengemeinde Altnau-Güttingen-Münsterlingen in der Schweiz. Und das seit 63 Jahren. Und obwohl es in Bayern seit Tagen eisig kalt ist, hat Otto Braun kaum Hoffnung, dass der Heilige diesen Winter den Bodensee überqueren wird. „Dafür hätte es schon im November viel kälter sein müssen“, sagt er.
Braun ist Präsident der Kirchengemeinde. Er war neun Jahre alt, als der Bodensee das letzte Mal komplett zugefroren war. Sowas vergisst man ein Leben lang nicht, sagt er mit einem Schmunzeln. Wie tausend andere lief er damals über den See. Leider nicht an dem Tag, an dem der heilige Johannes von Deutschland in die Schweiz übersiedelte. Das war am 12. Februar. Nach einem ökumenischen Gottesdienst zog am Vormittag eine Prozession von der Schweizer Seite nach Hagnau, die Gäste wurden herzlich empfangen. Als Gastgeschenk hatten sie drei Fässer Wein dabei. Als sie am Nachmittag über den zugefrorenen See zurückzogen, hatten sie die spätgotische Johannesbüste im Gepäck. Zuschauer standen einen Kilometer lang Spalier – schon damals ahnend, dass sie Zeugen eines sehr seltenen Ereignisses wurden. Denn der heilige Johannes überquert den Bodensee immer nur bei Seegfrörne – so heißt das Phänomen, wenn der größte See Europas komplett zugefroren ist. Alten Chroniken zufolge ist das seit dem Jahr 875 genau 37 Mal passiert. Vor 1963 zuletzt 1880, danach nie wieder. Auch nicht in diesem eisigen Winter. Und erst wenn der Fußmarsch über den See wieder möglich ist, wird die Johannes-Büste zurückziehen nach Hagnau. Falls der Klimawandel es noch einmal möglich macht.
Auch wenn es wieder ein Winter ohne Prozession wird, Otto Braun ist guter Dinge. Die ungewöhnliche Tradition hat zwischen den beiden Bodensee-Gemeinden eine enge Freundschaft entstehen lassen. „Und die pflegen wir auch, wenn der See nicht komplett zugefroren ist.“
Nicht nur am Bodensee spielen sich ungewöhnliche Szenen ab, wenn die Eisfläche dick genug wird. Offenbar kommen viele Menschen auf tollkühne Ideen, sobald Seen zufrieren. Im Kälte-Winter 1963 gab es von fast allen bayerischen Seen Nachrichten, die alles andere als alltäglich waren. Damals zeigte das Barometer minus 29 Grad an. Über Wochen wagten sich Menschen ausgiebig aufs Eis. Auf dem Ammersee veranstaltete der Motorsportclub Dießen damals vor 10 000 Zuschauern ein Auto- und Motorradrennen. Max Weiher war damals Bürgermeister. Als er die Menschenmassen auf dem zugefrorenen See sah, ging er schockiert nach Hause, legte sich ins Bett – und betete, dass das gut ausgeht. So berichtete er es später unserer Zeitung.
Auf dem Staffelsee hatten sich schon ein paar Jahre zuvor ähnlich verrückte Szenen abgespielt. Am 22. Januar 1929 berichtete die „Münchner Zeitung“ von einem Motor-Eisrennen. Und schon ein paar Tage später kamen tausende Menschen an den komplett zugefrorenen Starnberger See. Denn dort führte der Forscher Max Valier damals einen Raketenversuch durch. Laut Zeitungsberichten erreichte sein Raketenbob eine Geschwindigkeit von 375 km/h. Der Forscher starb ein paar Jahre später, sein „RAK Bob 2“ ist bis heute im Fundus des Deutschen Museums erhalten.
Im selben Jahr sorgten drei Wahnsinnige auf dem Eibsee für ein spektakuläres Schauspiel: Dort fand ein Dreikampf zwischen Flugzeug, Motorrad und Auto statt. Im Eindecker flog der Jagdflieger Ernst Udet in wenigen Metern Höhe über das Eis, neben ihm steuerte Hans Stuck seinen Austro-Daimler-Rennwagen. Und neben ihm fuhr Rennfahrer Joseph Möritz auf dem Motorrad.
Nicht immer gehen tollkühne Ideen auf dem Eis so glimpflich aus. 1964, ein Jahr nach dem Super-Winter, brach ein 52-Jähriger in den Königssee ein und ertrank. Er war mit seinem VW Käfer bis St. Bartholomä gefahren, auf dem Rückweg versank er an einer Stelle, an der das Eis nicht dick genug gewesen war. Erst 1998 entdeckte ein Forschungs-U-Boot den Käfer in 100 Metern Tiefe am Grund des Königssees.
Für verrückte Ideen wie damals reichen die eisigen Temperaturen der vergangenen Tage nicht aus. Viele Seen in Bayern sind nur teilweise oder oberflächlich gefroren. Der Bodensee ist in Teilen gefroren, dort sind erst vor wenigen Tagen zwei Menschen eingebrochen. Beide wurden gerettet. Keine Wetterbedingungen, bei denen Heilige die Reise übers Eis antreten sollten.