DAS PORTRÄT

Der Hüter der Antiquitäten

von Redaktion

Rudolf Glossner aus Berchtesgaden. © Kilian Pfeiffer

Es ist kurz nach 12 Uhr an einem Samstagvormittag. Draußen schiebt sich der Touristenstrom durch Berchtesgaden, drinnen in Rudolf Glossners Antiquitätenladen steht die Zeit still. Hier gibt es kaum einen freien Fleck. Überall hängen gerahmte Bilder, Engelsköpfe oder goldene Ornamente. Auf den Kommoden stehen Kerzenständer, Porzellan, Bierkrüge, dazwischen eine Vitrine mit Silber, jedes Stück poliert und mit Preisschild versehen.

Glossner sitzt auf einem kleinen Stuhl, vor ihm liegen Bücher über Berchtesgaden. Der 78-Jährige wirkt nicht so, als warte er gerade auf Kundschaft. Eher wie ein Wächter in einer Schatzkammer. Drei- bis viermal pro Woche sperrt er mittags den Laden auf. Er ist gerne hier. „Ich sehe jeden Tag die schönen Dinge“, sagt er. Der Laden ist sein Leben. Aber er weiß: Irgendwann wird er einen Ausverkauf machen und sich dann von allem trennen müssen.

Schon als Kind ist er immer mit offenen Augen durch die Welt gezogen, hat Dinge mitgenommen, die andere liegen ließen. Mit 14 verkaufte er Eisen an einen heimischen Händler, um sein Taschengeld aufzubessern. Er wurde Maler, doch seine Liebe für das Alte hat er nie verloren. Er fuhr zu Landwirten in der Umgebung, fragte nach Truhen oder Bauernschränken, die nicht mehr gebraucht wurden. Er richtete Stücke wieder her und verkaufte sie weiter. Irgendwann erfüllte er sich den Traum von einem Laden. Die Leute kamen, kauften Bilder, Krüge oder Möbelstücke. Glossner und seine Frau werden professioneller. Sie ziehen auf Flohmärkte, kaufen, restaurieren, verkaufen.

Anfangs läuft das Geschäft gut. Einheimische richteten ihre Häuser mit Stücken aus seinem Antiquitätenladen ein. doch diese Zeiten sind vorbei. „Die Leute geben nichts mehr aus“, sagt er. Junge Leute kämen selten. Obwohl er für sie im Preis sogar heruntergehen würde. Ein Paar betritt den Laden. Die Frau interessiert sich für ein silbernes Kaffeeservice, sie fragt nach, am Ende ist es ihr doch zu teuer. Es ist eine Szene, wie sie sich offenbar öfter abspielt: Neugier, kurzer Glanz in den Augen, dann die Verabschiedung. „Man muss Glück haben, dass sich noch jemand für die Dinge interessiert“, sagt Glossner. Es geht um Wert, aber auch um Anerkennung. Um das Gefühl, dass ein Lebenswerk noch Anschluss findet. Für ihn steht im Laden keine Ware – sondern Erinnerungen. Zum Beispiel die blaue Schachtel voller historischer Postkarten. Ein geschnitztes Krucknmandl, eine Holzfigur mit Haken – wie eine Garderobe aus einer anderen Zeit. KILIAN PFEIFFER

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