Der große Mathe-Streit

von Redaktion

Erste Bundesländer schaffen schriftliches Dividieren in Grundschulen ab

Die Beispielrechnung: So lernen Kinder das schriftliche Dividieren.

München – Schriftliches Dividieren haben Generationen von Schülern in der Grundschule gelernt. Doch diese Selbstverständlichkeit ist von gestern. Nach Bremen und Berlin hat jetzt mit Niedersachsen das erste Flächenland diese Rechenoperation für Grundschulkinder gestrichen. Sinngemäße Begründung der niedersächsischen Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne): Es ist zu schwer. Bayern will dagegen am etablierten Unterricht festhalten. Der gültige LehrplanPlus für die Grundschule sehe vor, dass die Grundschüler schriftliche Division mit Divisoren, also Teilern, bis einschließlich 10 anwenden können sollen. „Änderungen an diesen Vorgaben sind derzeit nicht vorgesehen“, teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Auch Sachsen lehnt den Schritt ab.

Die Entscheidung der Niedersachsen hat eine Vorgeschichte, auf die sich Julia Willie Hamburg auch ausdrücklich beruft. Die Kultusministerkonferenz hat am 23. Juni 2022 neue Bildungsstandards für den Primarbereich für Mathematik beschlossen. Sie sind eine Art Orientierungsrahmen, welche Kompetenzen Kinder am Ende der 4. Klasse haben sollen. Das bayerische Kultusministerium versteht die KMK-Vorgaben als „verbindliche Mindestanforderungen“, auf die man aufstocken könne. Andere Länder sehen das anders. Wichtig ist hier: In dem KMK-Papier werden die Rechenoperationen beschrieben, die Schüler „verstehen und beherrschen“ sollen. Der hier entscheidende Satz auf Seite 14 lautet: Schüler „verstehen schriftliche Verfahren der Addition, Subtraktion und Multiplikation (…)“. Von schriftlicher Division ist hier nicht mehr die Rede. Dem KMK-Beschluss hat damals auch Bayern, vertreten durch den damaligen Kultusminister Michael Piazolo (FW), zugestimmt, wie die KMK bestätigt.

Niedersachsen setze den KMK-Beschluss jetzt eben um, betont die grüne Ministerin. Sie beeilte sich aber, am Montag klarzustellen: „Mit dem überarbeiteten Kerncurriculum wird das Lernen der schriftlichen Division selbstverständlich nicht abgeschafft.“ Es werde vielmehr spätestens ab Schuljahr 2027/28 „an der weiterführenden Schule endgültig gelernt“.

Von Fachdidaktikern gibt es für die Entscheidung auch Zustimmung. Susanne Prediger, Dortmunder Professorin für Mathematikdidaktik, hält das schriftliche Dividieren für „Ziffernzauber“, wie sie dem WDR sagte. „Wir denken nur über die einzelnen Ziffern nach und schreiben die geschickt untereinander, sodass alles passt“, erläuterte sie. Beim halbschriftlichen Rechnen sei dies anders, man würde immer mitdenken, was die Ziffern bedeuten: Die Forschung zeige: Wenn die Kinder nicht vergessen, was die Ziffern bedeuten, dass sich etwa 342 in 300 und 40 und 2 zerlegen lässt, machten sie weniger Fehler. Auch die Gesellschaft für Didaktik der Mathematik schließt sich dieser Argumentation an, wie ihr Vorsitzender Prof. Florian Schacht (Uni Duisburg-Essen) gegenüber unserer Zeitung betont.

Es gibt auch Gegenstimmen. „Das Verfahren der schriftlichen Division zu erlernen ist für die Schülerinnen und Schüler in der Grundschule weiterhin sinnvoll und richtig“, sagt Michael Schwägerl, Chef des Bayerischen Philologenverbands. Die Division sei für den Mathematikunterricht des Gymnasiums eine dringend benötigte Kompetenz, denn ab Jahrgangsstufe 5 gebe es keine Beschränkungen mehr im Zahlenraum und ab der 6. Klasse kämen auch Dezimalzahlen (also Kommazahlen) dazu.

Prof. Klaus Zierer, Schulpädagoge an der Universität Augsburg, spricht von einer „Bankrotterklärung“. „Bereits vor Jahren wurden das Diktat und die Einmaleins-Reihen abgewrackt – mit fatalen Folgen: Noch nie waren die Lernleistungen in Deutsch und Mathe so schlecht wie heute.“ Zierer spielt hier auf den Pisa-Test 2022 an, bei dem deutsche Schüler in Mathematik abgesackt waren. Dividieren sei Teil der Lebenswelt, „natürlich bereits in der Grundschule“, betont Zierer, „und daher ist auch das schriftliche Verfahren dort am richtigen Platz“. DIRK WALTER

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