Der Angeklagte gestern beim Prozessbeginn im Gerichtssaal in München. © SIGI JANTZ
Gauting/München – In der Corona-Zeit ging es für manche Bürger in Kurzarbeit, andere verloren gleich ihre Existenz. Für Marco S. aus Gauting hingegen war die Pandemie eine Goldgrube. Denn er konnte beschaffen, was damals rar war: Masken. Der heute 39 Jahre alte Unternehmer verdiente Millionen – die er jedoch nicht versteuert haben soll.
Jahre später sitzt er deshalb in Untersuchungshaft, muss sich vor dem Landgericht München II wegen Steuerhinterziehung verantworten. Sollte das Verfahren mit einem Schuldspruch enden, wird S. lange hinter Gittern bleiben – der Vorsitzende Richter Andreas Bayer stellt ein Mindestmaß von knapp sechs Jahren in Aussicht.
Laut Staatsanwaltschaft führte S. ein Investitionsunternehmen, das in der Schweiz als Briefkastenfirma angemeldet war, tatsächlich aber bei ihm zu Hause in Gauting seinen Sitz hatte. Als 2020 die Pandemie begann, hatte S. den richtigen Riecher. Er beteiligte sich an einer Ausschreibung des Bundesgesundheitsministeriums, das verzweifelt nach Händlern suchte, die Atemschutzmasken verkauften. S. tütete den Deal ein: fünf Millionen Masken der Schutzklasse FFP2 für 22,5 Millionen Euro – also mehr als vier Euro pro Maske. Selbst damals war das ein horrender Preis. Die Ware bezog er von einem Konzern in Nordrhein-Westfalen, und zwar weit günstiger: 2020 machte seine Firma einen Gewinn von mehr als 15 Millionen Euro.
Weniger engagiert war der Kaufmann der Anklage zufolge bei seinen Steuererklärungen. Er reichte sie entweder gar nicht oder unvollständig ein. In 2020 und 2022 verschwieg er dem Fiskus demnach rund neun Millionen Euro an Gewerbe-, Körperschafts- und Umsatzsteuer. Auch mit seiner persönlichen Einkommensteuer nahm er es offenbar nicht so genau und hinterzog 2,7 Millionen Euro. Macht eine Summe von 11,8 Millionen, die der Staatskasse entgangen sein soll.
Es scheint, als führte S. mit dem Geld ein schillerndes Leben. Im Mai vergangenen Jahres nahmen Fahnder ihn in einem Urlaubsresort im Allgäu fest. Das Auto, mit dem er angereist war, hatte ein belgisches Diplomatenkennzeichen. Im Handschuhfach fanden sich ein Revolver samt Munition und ein gefälschter slowenischer Reisepass.
Laut einem „Spiegel“-Bericht pflegte S., der auch als Musikmanager und Berater eines Schwergewichtsboxers aktiv war, vielfältige Kontakte, etwa zu dem früheren Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). S. habe Scheuer als Teil einer Delegation auf eine Asienreise begleitet.
Das dürfte es auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Richter Bayer teilte zum Verfahrensauftakt nach einem Gespräch mit allen Beteiligten mit, dass der Strafkammer die Anklage laut Aktenlage „weitgehend als zutreffend erscheint”. Ein realistisches Strafmaß seien angesichts der enormen Summen rund neun Jahre Haft. Ein Geständnis würde dem Angeklagten mit einem Rabatt von etwa drei Jahren angerechnet, teilte er mit. Ob S. tatsächlich aussagt, haben seine Verteidiger noch nicht entschieden. Ein Urteil soll Anfang April fallen.TOM SUNDERMANN