Ein Mädchen lernt im Hallenbad schwimmen. Die Plätze in den Kursen sind umkämpft. © Getty
Karlsfeld/Oberschleißheim – Claudia Wittmann macht sich Sorgen. Sie ist Lehrerin an der Verbandsgrundschule München-Karlsfeld und bringt ihren Schülern seit vielen Jahren das Schwimmen bei. Doch das wird zunehmend schwieriger. Nicht wegen der Kinder – sondern wegen der Hallenbäder.
Immer mehr Bäder schließen. Das Karlsfelder Bad kann seit 2022 nicht mehr genutzt werden, weil die Gemeinde kein Geld für die notwendigen Reparaturen hat. In Dachau gibt es keine freien Kapazitäten für Schüler anderer Gemeinden. Seit drei Jahren bleibt den Karlsfelder Grundschulen nichts anderes übrig, als ins zwölf Kilometer entfernte Oberschleißheimer Hallenbad im Nachbar-Landkreis zu fahren. Ein immenser organisatorischer Aufwand, den die Schule nur noch für die Drittklässler leisten kann – nicht mehr wie früher für Schüler der zweiten bis vierten Klasse. „Wir fahren die Kinder mit Bussen hin“, berichtet Wittmann. Für 45 Minuten im Wasser gehen drei Schulstunden drauf. Aber das ist allen lieber, als gar keinen Schwimmunterricht mehr anzubieten. Es gibt Klassen, in denen die Hälfte der Kinder nicht sicher schwimmen kann, sagt die Lehrerin. Es ist nach wie vor ihr großes Ziel, dass jeder Grundschüler sicher schwimmt. Bisher hat sie das noch immer geschafft. Ob es ihr ab März auch noch gelingen wird, ist aber unsicher.
Denn nun droht auch dem Hallenbad in Oberschleißheim die Schließung. Auch dort gibt es Sanierungsbedarf und fehlende Einnahmen. Bürgermeister Markus Böck (CSU) hatte erst vor Kurzem im Gemeinderat angekündigt, dass weder die Sanierung, noch ein Neubau für die Gemeinde zu stemmen seien. Das würde nicht nur die Schulen schwer treffen, sondern auch die Vereine und die DLRG, die dort ebenfalls Schwimmkurse anbietet. Von den jährlich rund 50 000 Besuchern im Oberschleißheimer Bad sind 34 000 Kinder von Schulen und Vereinen. Sie kommen nicht nur aus Karlsfeld, auch aus Garching oder Haimhausen dorthin. Es gibt im großen Umkreis keine Alternative zu Oberschleißheim mehr, berichtet Claudia Wittmann. Auch das Allacher Freibad gibt es seit Jahren nicht mehr.
Mit den Hallenbädern erwirtschaften die Kommunen nie Gewinne. Die Energiekosten sind hoch, viele Bäder sind einige Jahrzehnte alt und müssen renoviert werden. Und die Kassen sind in vielen Gemeinden leer. So geht es auch Oberschleißheim. Der Haushalt ist zwar noch nicht öffentlich, aber feststeht, dass die Kommune sparen müsse, berichtet Ingrid Lindbüchl, Gemeinderätin der Grünen. Das Hallenbad hat zwar Sanierungsbedarf. „Aber aktuell läuft noch alles gut.“ Sie hat einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, um das Bad zu retten – zumindest bis die Gemeinde finanziell wieder besser dasteht. Weil das für die Bürger wichtig sei, betont sie. „Schwimmen ist der Volkssport Nummer eins.“ Der Arbeitskreis aus Vertretern der Fraktionen, Gemeindeverwaltung, DLRG und Hallenbad hat bereits einige Ideen gesammelt, um die Einnahmen im Bad zu steigern. Viele kleine Hebel, sagt sie. „Aber alles zusammen könnte eventuell helfen.“ In Oberschleißheim wird das Bad auch zum Wahlkampf-Thema. Nicht nur die Grünen, auch die SPD will es unbedingt erhalten.
Die Schulen und Vereine im Umkreis bangen währenddessen, wie es weitergeht. „Wir müssen alles versuchen“, sagt Christoph Arthofer, Leiter der Triathleten beim TSV Eintracht Karlsfeld. Auch seine Abteilung trainiert in Oberschleißheim. Er hat dem Bürgermeister geschrieben – mit der Bitte, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, damit das Hallenbad geöffnet bleibt. Konkret schlägt er vor, das Bad stärker auf Vereine, Schulen, Reha und Schwimmkurse auszurichten. Bei Vollbelegung zahle der TSV 300 Euro pro Stunde, um dort trainieren zu dürfen. Weit mehr, als das Bad mit normalzahlenden Badegästen einnimmt. Für den Verein sei das viel Geld, betont Arthofer. „Aber es ist alternativlos.“ Denn ohne Trainingsmöglichkeit fürchtet er, viele Mitglieder zu verlieren.
Auch die DLRG Bayern beobachtet mit großer Sorge, wie es in Oberschleißheim weitergeht. „Die Hallenbad-Situation ist in vielen Regionen dramatisch“, sagt Sprecher Andreas Rösch. Im schwäbischen Günzburg hat sich sogar ein Zweckverband gegründet, um das Hallenbad zu erhalten. Schon jetzt könne die DLRG nicht genug Schwimmkurse für Kinder anbieten. „Rund 60 Prozent der Kinder können am Ende ihrer Grundschulzeit nicht schwimmen“, sagt er. Das liegt auch an den langen Wartelisten. „Wenn wir einen neuen Schwimmkurs ausschreiben, ist er meist nach wenigen Minuten komplett ausgebucht.“