KOLUMNE

Luxus für die Seele

von Redaktion

„Vergessen Sie nicht, nach dem Gottesdienst Ihr Handy wieder einzuschalten.“ Dieser freundliche Satz erinnert Kirchenbesucher daran, das Mobilphone überhaupt erst einmal auszumachen, damit es weder in die Gebete, Lieder noch in die Predigt hineinbimmelt. Naturgemäß passiert das ja an der unpassendsten Stelle. Allerdings gibt es kaum einen angemessenen akustischen Ort für eine solche Störung.

Im Theater weiß man sich lästiger Geräusche während der Vorstellung ebenfalls kreativ zu erwehren. Der Comedian Martin „Bewie“ Bauer macht sich über sie mitreißend lustig. Der Erdinger teilt Besuchern mit, er wisse um ihre Furcht vor Nachrichten und darum, dass sie deshalb ihre Handys sowieso ausschalten. Er schlägt vor, die Geräte einzusammeln und in ein Körbchen zu legen – man könne sie nach der Vorstellung bei eBay wieder ersteigern.

Ein Highlight ist für mich das Münchner Residenztheater. Dort wird den Zuschauern eine wertvolle Empfehlung gegeben: „Gönnen Sie sich für zwei Stunden den Luxus der Nichterreichbarkeit!“ Manch einer hat das kritisiert: So werde das Theater zu einem Raum, in den man nicht wegen eines Schauspiels geht, das zur bloßen Nebensache wird, sondern um für eine begrenzte Zeit unauffindbar zu sein.

Es stimmt schon: Wenn endlich mal nichts mehr klingelt, brummt, summt, piept oder aufleuchtet, dann sinken Stresspegel und Abhängigkeit. Die durch übermäßigen Handykonsum beeinträchtigten kognitiven Fähigkeiten erholen sich. Alles medizinisch nachweis- und messbar. Intelligenter wird man jedenfalls nicht dadurch, dass man permanent auf seine tragbaren Monitörchen starrt. Aber da ist noch mehr.

Der Luxus der Nichterreichbarkeit. Was für eine feine, verlockende Formulierung. Auf einmal hat man kostbare Zeit, um sich der Magie des Theaters und dem Vergnügen einer Show hinzugeben. Man kann sich ohne Unterbrechungen verzaubern, in fremde Welten entführen, manchmal aufstören, irritieren, neu inspirieren und begeistern lassen von geistreichen Inszenierungen und darstellerischen Glanzleistungen.

Für ein paar Stunden nicht erreichbar sein … Es geht nicht allein um das, was „nicht“ stattfindet. Sondern um den wahren Gewinn von Zeit, die einem selbst gehört, die man allein oder mit anderen intensiv erlebt. Zeit, die einen in Hirn, Herz und Seele bereichert. Luxus der Unerreichbarkeit bedeutet, im Hier und Jetzt zu sein – zugleich Zeit für Vergangenheit zu haben und schon mal für die Zukunft wertvolle Erinnerungen zu sammeln.

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