Wer wird sein Nachfolger? Karl Kolb will nach 22 Jahren nicht mehr für das Bürgermeister-Amt in Megesheim kandidieren. Aber leider auch niemand sonst. © Wunderlich/dpa
Brunnen/Megesheim – Chef im Rathaus, Herr über die Geschicke einer Gemeinde: Der Job klingt reizvoll – trotzdem gibt es mancherorts weniger als zwei Monate vor der Kommunalwahl nicht einen einzigen Bewerber für das Amt des Bürgermeisters. In der oberbayerischen Gemeinde Brunnen im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen wird etwa am 8. März auf dem Stimmzettel für den Bürgermeisterkandidaten kein Name stehen. Der Grund ist ungewöhnlich: Bis zum Ablauf der Frist am Donnerstag hatte sich niemand für die Kandidatur gemeldet, wie der Geschäftsleiter der Gemeinde, Michael Ramsteiner, mitteilte. Der amtierende Bürgermeister Thomas Wagner (CSU) will nicht noch einmal antreten, er bleibt bis 30. April im Amt.
Die Gemeinde Brunnen ist kein Einzelfall. Allein im Landkreis Weilheim-Schongau gibt es mit Ingenried, Habach und Antdorf drei Gemeinden ohne Kandidaten. Auch im niederbayerischen Philippsreut und Megesheim im schwäbischen Landkreis Donau-Ries will niemand Bürgermeister werden. Karl Kolb hat den Job in Megesheim 22 Jahre lang gerne gemacht. Dass sich nun kein Nachfolger findet, macht dem 64-Jährigen große Sorgen. „Das ist ganz, ganz schlecht. Mich macht das traurig.“ Auch viele andere Menschen im Ort treibt das um.
Der Direktor des Gemeindetags, Hans-Peter Mayer, sieht die Sache weniger dramatisch. Auch bei vergangenen Wahlen habe es einige Gemeinden ohne Bürgermeisterkandidaten gegeben. Eine Lösung habe sich immer gefunden. Ohne Kandidierende können die Wähler eines Ortes selbst einen Namen auf den Stimmzettel schreiben – sie haben dabei große Auswahl: Wählbar sind grundsätzlich alle, die auch das aktive Wahlrecht haben.
Steffen Romstöck ist so in sein Amt gekommen. Er stand bei der Bürgermeisterwahl im September 2024 nicht auf der Kandidatenliste in Röttingen im Kreis Würzburg. Doch so viele Bürger schrieben seinen Namen auf die Liste, dass der 45-Jährige 51,9 Prozent der Stimmen erhielt. Die Verkündung des neuen Bürgermeisters war eine riesige Überraschung für ihn, berichtete er. In Röttingen waren einige Menschen unzufrieden damit gewesen, dass nur ein CSU-Kandidat zur Wahl stand. „Das war ein sehr großer Vertrauensvorschuss“, sagte Romstöck nach der Wahl. „Das konnte ich nicht ablehnen.“
Wenn ein Kandidat nicht mindestens 50 Prozent der Stimmen bekommt oder die Wahl ablehnt, kommt es zur Stichwahl zwischen den beiden meistgenannten Kandidaten. Findet sich jedoch niemand, wird es noch einmal kompliziert: Ab 1. Mai lädt das Landratsamt – anstelle des nicht vorhandenen Bürgermeisters – zur konstituierenden Sitzung des Gemeinderates, der wiederum aus seiner Mitte einen Zweiten Bürgermeister oder Bürgermeisterin wählt. Der Zweite Bürgermeister führt kommissarisch die Amtsgeschäfte, bis regulär ein Bürgermeister gewählt ist. Das allerdings kann sich dann über Monate hinziehen: Die gesamte Wahlvorbereitung mit Kandidatensuche sowie der Bestimmung eines neuen Wahltermins durch das Landratsamt beginnt erneut.
Als mögliche Gründe, warum engagierte Bürger vor dem Bürgermeister-Amt zurückschrecken, nennt Mayer die persönliche Lebenssituation, aber auch die Wertschätzung und Themen wie Hass, Bedrohung. Karl Kolb kann das nicht verstehen: „Ich kann aus 22-jähriger Erfahrung sagen, es ist ein schönes Amt.“ Verbale oder gar tätliche Angriffe habe er nicht erlebt.
„Es ist bedauerlich, dass sich kein Kandidat gefunden hat. Das wäre wichtig gewesen für unsere Demokratie“, sagt der Geschäftsleiter der Gemeinde Brunnen. Immerhin kam nach Medienberichten über den Bürgermeistermangel von außerhalb viel Interesse: „Wir bekommen Bewerbungen aus ganz Bayern von Menschen, die gerne Bürgermeister bei uns werden wollen“, sagt Ramsteiner. Kandidieren könnten aber nur Bürgerinnen und Bürger, die mindestens seit drei Monaten in der Gemeinde einen Wohnsitz haben.DPA/KWO