Suchgerät, Schaufel und Sonde: Alpinpolizisten und Bergretter befreien bei einer Übung ein Lawinenopfer. Mit der Ausrüstung sollten Tourengeher immer wieder trainieren. © Balk/dpa
Augsburg – Es war das tödlichste Lawinen-Wochenende der Saison: Drei Schneebretter haben in Österreich acht Menschen getötet. Gegen eine Bergführerin wird ermittelt. Zum Vergleich: In Bayern gibt es durchschnittlich einen Lawinentoten pro Winter. Wo die Gefahr am größten ist und was im Ernstfall Leben rettet, weiß Thomas Feistl, Leiter der Bayerischen Lawinenwarnzentrale.
Herr Feistl, acht Lawinen-Tote am Samstag in Österreich. Was macht die Gefahr aktuell so groß?
Je näher man dem Hauptalpenkamm und Lagen über 2000 Metern kommt, desto größer die Gefahr. Aktuell gilt dort Stufe 3 von 5. Bis Mitte Januar war es lange trocken, sehr kalt und hat wenig geschneit. Jetzt wird der Altschnee zum Problem. Fällt Neuschnee, bedeckt er aufgebaute Schichten aus großen Kristallen. Diese Schwachschicht ist leicht zu stören. Gleichzeitig ist sie selbst mit erfahrenem Blick kaum erkennbar. Das ist das Tückische.
Wie ist die Lage hier bei uns in Oberbayern?
Die Lawinengefahr ist gebietsweise über 1600 Meter mäßig. Für die Allgäuer, Ammergauer, Werdenfelser und Berchtesgadener Alpen gilt Gefahrenstufe 2. Auch dort könnten mancherorts geringe Zusatzbelastungen, etwa ein Skifahrer, Schneebrettlawinen auslösen. Unterhalb von 1600 Metern ist die Lawinengefahr derzeit gering. An der Südseite ist die Gefahr übrigens generell geringer als an steilen Nord- oder Osthängen.
Schneebretter sorgten für die Unfälle in Österreich. Wann entspannt sich die Lage?
Wir unterscheiden die Schneebrettlawine, die man als Skitourengeher selbst auslösen kann, von Locker- und Gleitschneelawinen. Diese gehen von selbst ab, etwa wegen Regen. Nassschnee und Sonne bei null Grad Celsius würden die aktuelle Gefahrenlage mindern, weil sich so die Schwachschicht auflöst.
Unter den jüngsten Lawinen-Opfern sind Angehörige des österreichischen Alpenvereins: Sollten selbst „Profis“ bei Stufe 3 noch losziehen?
Warnstufe 3 ist schon erheblich. Geübte sind noch unterwegs, müssen sich aber klar sein, dass dann gut und schlecht am Berg noch näher beieinanderliegen. Man sollte mehr Schneedeckentests durchführen, jeden Hang neu beurteilen und im Zweifel zurückhaltend sein. Aber Lawinen sind sehr komplex. Beim Einschätzen passieren Fehler, selbst für Profis bleibt ein Restrisiko. In Lawinen sterben eher Alpinisten mit Erfahrung, weil sie eben viel häufiger in steilerem Gelände und auf anspruchsvollen Touren unterwegs sind.
Ist ein Skigebiet „sicherer“?
In der 60-jährigen Geschichte des bayerischen Lawinenwarndienstes hat es in überwachten Gebieten wie Skigebieten oder auf offiziellen Winterwanderwegen keine Toten gegeben. Hier bewerten fachkundige Ehrenamtliche die Gefahr jeden Tag neu und melden uns ihre Ergebnisse. Risiko ist zwar immer da, aber deutlich höher bei eigenverantwortlichen Bergunternehmungen. Je höher und steiler, desto mehr Risiko nimmt man in Kauf.
Es gibt noch Stufe 4 und 5. Wie kommen Sie an Daten?
Stufe 5 bedeutet Katastrophenfall. Deshalb sind Stufe 1 bis 4 für den Tourengeher relevant. Unseren Bericht errechnen wir unter anderem anhand von Messungen unserer Beobachter und Ehrenamtlichen, den Ergebnissen aus 20 automatischen Messstellen in Bayern, Webcams und Modellen, die den Schneedeckenaufbau simulieren. Die Größe potenzieller Lawinen, die Menge an potenziell gefährlichen Stellen sowie die Frage nach der notwendigen Zusatzbelastung für das Auslösen der Lawine bestimmen die Höhe der Gefahrenstufe.
Wie sieht gute Tourenplanung aus?
Anfänger sollten einen Lawinen-Kurs machen, den Lagebericht kennen und in einer routinierten Gruppe unterwegs sein. Um mit dem Verschüttetensuchgerät, Schaufel und Sonde im Ernstfall auch richtig umgehen zu können, braucht es Übung. Also sollte man nicht nur mit der Ausrüstung trainieren, sondern auch unter 30 Grad steile Hänge wählen und bei hohen Gefahrenstufen unbekanntes Terrain meiden.
Wie hoch ist die Chance, eine Lawine zu überleben?
Die Chance, sich selbst zu befreien, geht gleich null. Lawinenopfer ersticken. Nach zehn Minuten sinkt die Lebenserwartung stark, Vollverschüttete sind binnen 15 Minuten meist tot. Die Bergrettung braucht oft länger zur Unfallstelle. Bei der Bergung zählt jede Sekunde – und im Umkehrschluss die Erfahrung der Begleiter, die mit der Sonde auch einen menschlichen Körper von einem Stein zu unterscheiden wissen.