Pater Karl Kern am Grab von Pater Rupert Mayer in der Unterkirche der Bürgersaalkirche in München. © Marcus Schlaf
Pater Rupert Mayer mit Caritas-Sammelbüchse vor der Jesuitenkirche St. Michael in München. © Jesuiten-Archiv
München – Mitten in der Fußgängerzone in München gibt es einen Wallfahrtsort der besonderen Art. „Hunderte von Menschen kommen täglich in die Bürgersaalkirche, in die Unterkirche zum Grab von Pater Rupert Mayer“, sagt Pater Karl Kern. Der Jesuit ist seit März 2025 Präses der Münchner Marianischen Männerkongregation und damit einer der Nachfolger seines Ordensbruders Rupert Mayer, dem unvergessenen Sozial-Apostel Münchens, der sich mutig gegen die Nationalsozialisten gestellt hatte. Redeverbot, Verhaftungen und das KZ konnten ihn nicht davon abbringen, Klartext zu reden. Sein bekanntester Satz fiel 1923 im Bürgerbräukeller bei einer Propagandaveranstaltung der Nationalsozialisten: „Ich werde Ihnen nun klar sagen, dass ein deutscher Katholik niemals Nationalsozialist sein kann.“
Am Freitag vor 150 Jahren wurde Rupert Mayer geboren – in der Bürgersaalkirche wird morgen mit einem feierlichen Gottesdienst um 12 Uhr an den Jesuiten erinnert, dessen Standhaftigkeit und Zähigkeit die Menschen bis heute beeindrucken. Der 1987 von Papst Johannes Paul II. im Münchner Olympiastadion seliggesprochene Mayer stammte aus Stuttgart. Er wurde in einer gutbürgerlichen Familie mit fünf Geschwistern groß. Erst nach der Priesterweihe trat er bei den Jesuiten ein. Der Orden schickte ihn 1912 nach München, weil dort ein Seelsorger für die Zugezogenen gesucht wurde. „Damals kamen pro Jahr über 20 000 Menschen in die Stadt“, erklärt Pater Kern. „Sie mussten eine Unterkunft und Arbeit finden. Viele strandeten hier und waren der blanken Not ausgesetzt.“ Mit einer ungeheuren Arbeitskraft habe sich Pater Mayer um diese Menschen gekümmert. „Noch am Abend hat er fünf bis sechs Hausbesuche gemacht, hat vielen Menschen Arbeit vermittelt, bei der Wohnungssuche geholfen. Da lernte er, dass die Menschen in ihrer Not vor allem auf den Kommunismus flogen. Das hat ihn politisch sensibilisiert.“
Rupert Mayers Reaktion war: Die Kirche muss an die Orte gehen, wo die Bedürftigen sind. „Er war schon damals ein Seelsorger ganz nach der Vision von Papst Franziskus“, sagt Kern. Gegen jede Form von Extremismus habe er sich stark gemacht. Mit dem Ergebnis: Seine Predigten wurden protokolliert. 1937 erhielt er ein Redeverbot, später wurde er mehrfach verhaftet, kurz vor Weihnachten 1939 nach Berlin überstellt und auf Anordnung des Reichsführers-SS Heinrich Himmler ins KZ Sachsenhausen-Oranienburg gebracht.
Die Isolationshaft setzte Mayer, der im ersten Weltkrieg sein linkes Bein verloren hatte, schwer zu. Er magerte auf 50 Kilogramm ab. Die Nazis befürchteten, er könne als Märtyrer verehrt werden, wenn er im KZ stirbt. So wurde er ins Benediktinerkloster Ettal gebracht, wo er bis Kriegsende im Hausarrest lebte. Rupert Mayer würde zu heutigen Problemen keinesfalls schweigen, ist Pater Kern überzeugt. „Er würde jegliches Überziehen des Nationalgedankens verurteilen, sich um das wertebasierte Europa sorgen, die Meinungsmache mit Fake News anprangern und seine Stimme gegen Donald Trump erheben.“
Oft hört Pater Kern von Besuchern, dass sie immer zu Mayers Grab gehen, wenn sie in München sind. Das sagt auch der Kabarettist Christian Springer, dessen Eltern den Jesuiten gekannt hatten. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur verriet der Künstler, der mit seinem Verein „Orienthelfer“ notleidende Menschen unterstützt und oft in Syrien und dem Libanon unterwegs ist: „Ein Gebetbildchen von Pater Rupert Mayer liegt immer in meinem Reisepass. Keine Reise ohne ihn.“ Mayer habe sich immer in den Dienst von anderen gestellt. Trotz der Beinamputation sei er zu den Armen in die höchsten Dachgeschosse geklettert. Er habe gezeigt, dass die Unterstützung von Bedürftigen immer geht, „auch wenn‘s schwierig ist“. CLAUDIA MÖLLERS