Ein Hauch von Texas: Das Foto zeigt Mitarbeiter der Wintershall AG im Jahr 2007 an der „Pferdekopfpumpe“ bei Großaitingen. Heute arbeitet hier die Firma Oneo. © Uwe Zucchi/dpa
Großaitingen – Den Kopf kriegt Peter Roth aus Bobingen im Kreis Augsburg beim Spazieren gerade nicht mehr frei. Wenn der 68-Jährige am Wertach-Ufer entlang läuft, plagen ihn große Sorgen. Auf dem Flur der Nachbargemeinde Großaitingen könnte bald wieder frisch nach Öl gebohrt werden. Daran sind die Menschen in der Region zwar seit 1978 gewöhnt, allerdings kam der Bohrmeißel dem Fluss bisher wohl nie so nah.
„Wird die Firma Uneo auf diesem potenziellen Öl-Feld südwestlich von Großaitingen fündig, müsste die Leitung, die das Öl zum Güterzug führt, die Wertach und die kleinere Singold queren“, erklärt Roth. „Wäre sie auf den zwei, drei Kilometern undicht oder würde durch Hochwasser gestört, könnte Öl austreten. In Landau in der Pfalz ist das vergangenes Jahr an einer Oneo-Leitung passiert.“ Südlich von Großaitingen liegt ein Wasserschutzgebiet. Deshalb ist Roth besonders alarmiert. Als Vorsitzender des Bund Naturschutzes im Kreis Augsburg ruft er heute zu Protest auf. Neben Naturschützern und besorgten Anwohnern demonstrieren Vertreter von „Fridays for Future“.
200 000 Tonnen Öl sollen insgesamt noch in Bayerns Böden stecken. Im Süden Augsburgs bis hinein ins Allgäu liegt das größte Ölvorkommen Bayerns, 1000 bis 1500 Meter tief in Sandstein. Im Aitinger Raum gibt es aktuell zwei aktive Felder, wo Oneo zehn Mitarbeiter beschäftigt und 30 000 Tonnen Öl im Jahr fördert, aufbereitet und per Zug in eine Raffinerie nach Niedersachsen transportiert.
„Im Dezember hat das Wirtschaftsministerium bergrechtliche Erlaubnis für das neue Öl-Feld ‚Wertach‘ erteilt, neben zwei weiteren potenziellen Feldern im Süden und Südosten von Großaitingen“, erklärt Peter Roth. „Wenn man sich umhört, weiß hier bisher kaum jemand davon. Landwirte und Kommune werden nicht gefragt. Bergrecht geht vor Eigentumsrecht.“
Laut Bundesberggesetz gilt Erdöl als „bergfreier Bodenschatz“ wie Kohle, Erdwärme oder Salz und ist deshalb losgelöst von Grundeigentum. Die Eigentümer der betroffenen Flächen müssen aber entschädigt werden, wenn mit den Bodenschätzen ein Gewinn erwirtschaftet wird.
Auf Nachfrage bestätigt das bayerische Wirtschaftsministerium, Oneo die Konzession für die „Aufsuchung bergfreier Bodenschätze, hier Kohlenwasserstoffe“ erteilt zu haben. „Sie beinhaltet keine konkrete Bohrgenehmigung, hierfür gibt es eigenständige Verfahren, die vom Bergamt Südbayern durchgeführt werden“, erklärt ein Sprecher.
Und Oneo teilt mit: „Die Aufsuchung ist eine vorgelagerte Phase, in der geprüft wird, ob und in welchem Umfang Erdölvorkommen vorhanden sein könnten. Es geht um geologische Evaluierung und Wirtschaftlichkeitsprüfung.“ Das Gebiet „Wertach“ sei als Erweiterung des Ölfeldes Schwabmünchen beantragt worden. Man gehe davon aus, dass die nach der Aufsuchung genutzte Fläche nur einen Bruchteil der bewilligten ausmachen wird. Für einen Bohrplatzbau und eine Bohrung seien weitere Genehmigungsverfahren erforderlich.
Allein beim Gedanken an mögliche Bohrungen rund um die Wertach blutet Roth das Herz. „Ich schätze dieses potenzielle Öl-Feld auf 13,5 Quadratkilometer. Ein Aussiedlerhof, sonst nur Feld, Wiese und Gehölz“, erklärt Roth. „Die Auenwaldreste, die nach der Wertach-Begradigung in den 30er- und 40er-Jahren geblieben sind, sind wertvoll. Dort leben Arten aus dem Alpenraum, die der Fluss einst mitgebracht hat und die heute auf der Roten Liste stehen: vom Helmknabenkraut bis zum Wiesenknopf-Ameisenbläuling, einem ganz besonderen Schmetterling.“
Die Erdölförderung betrug 2024 bundesweit 1,62 Millionen Tonnen. Davon machen Aitingen und Schwabmünchen bei Augsburg (32 000 Tonnen) zwei Prozent aus. „In Zeiten des Klimawandels ist Erdölabbau nicht mehr zeitgemäß, schon gar nicht für diesen minimalen Anteil am großen Ganzen“, sagt Roth. Sollte Oneo bald ins Schwarze treffen, sieht er Artenschutz und Trinkwasser bedroht. „Deshalb wollen wir dem Unternehmen jetzt zeigen, dass es Widerstand gibt.“ CORNELIA SCHRAMM