Der Fluch des naiven Wischens

von Redaktion

Warum Prof. Klaus Zierer für ein striktes Social-Media-Verbot bis 16 ist

Smartphones auf dem Schulhof: Muss das sein? © Medok/Getty

Bei der Messe „Bildungstage München“ an diesem Sonntag wird es ein Thema sein: Ab wann sind Smartphones für Kinder sinnvoll? Ab wann dürfen sie TikTok oder Instagram nutzen? Der Augsburger Schulpädagoge Prof. Klaus Zierer, der auf der Messe auftritt, hat dazu eine sehr bestimmte Meinung.

Australien hat die Nutzung Sozialer Medien wie TikTok oder Instagram für Kinder bis 16 Jahren verboten, in Großbritannien hat das Oberhaus dem soeben zugestimmt. Sehen Sie Chancen, dass das auch in Bayern kommt?

Ich hoffe das sehr. Die Bundesbildungsministerin hat eine Expertenkommission ins Leben gerufen, die das Problem eindeutig erkannt hat. Warum sollte, was in Australien und anderen Ländern gelingt, nicht auch hier funktionieren?

Es hieß immer, die Umsetzung sei nicht alltagstauglich.

Der Zeitgeist hat sich völlig gedreht. Früher bin ich für die Forderung belächelt worden. Aber die Studienlage ist heute in der Breite bekannt. Es ist erwiesen, dass die Nutzung von TikTok und Co. ein Suchtpotenzial bergen und zu mentaler Erschöpfung, mangelnder Konzentrationsfähigkeit und ständigem Abschweifen führen kann. Das sind reale Gefahren. Ich würde sogar noch weiter gehen, und ab 16 nicht auf einen Schlag alles erlauben. 16-Jährige sind auch auf anderen Feldern noch eingeschränkt, etwa beim Kauf von Alkohol oder beim Ausgehen. Technisch ist das möglich.

Muss aus Ihrer Sicht das Verbot Sozialer Medien von einem Smartphone-Verbot bis 16 begleitet werden?

Wir können Eltern im Privaten nicht verbieten, was sie ihren Kindern in die Hände legen. Aber natürlich plädiere ich für einen weitgehenden Verzicht. Leider versagt da oft auch die Schule. Es kommt ja nicht selten vor, dass sich ein Lehrer mit Spielen auf dem Smartphone die Zeit vertreibt, wenn er die Schüler bei einer Schulaufgabe beaufsichtigen muss. Für die Nutzung von Smartphones in der Schule gibt es absolut keinen Grund. Wenn Eltern darauf bestehen, dass etwa ihr Grundschulkind aus Sicherheitsgründen auf dem Schulweg erreichbar ist, plädiere ich für ein klassisches Handy ohne Internetfunktion – kein Smartphone. Die Realität ist leider eine andere: Der Schulbus und die Tram schimmern morgens blau, schon die Kleinsten starren gebannt auf ihre Geräte.

In Bayern gibt es ab der 8. Jahrgangsstufe Tablet-Klassen. Der falsche Weg?

Ich halte das für völlig verfehlt, weil es vom Staat finanzierte private Tablets sind und damit die Ablenkung in den Klassen ist. Tablets in der Schule, die im Unterricht ausgeteilt und nach Einsatz wieder eingesammelt werden, sind völlig ausreichend. Für das allermeiste in der Schule brauchen wir das Tablet gar nicht. Selbst beim Recherchieren kann man Bücher zur Hand nehmen – auch wenn das manche für verstaubt halten. Wenn stattdessen in der Schule ChatGPT zum Einsatz kommt, dann ist das Denken sowieso völlig beendet.

Wie aber sonst sollten Schüler und Schülerinnen die Sinne für die Digitalisierung schärfen?

Indem ich gezielt vorgehe. Der Lehrer kann zum Beispiel einen problematischen Chat-Verlauf im Unterricht durchnehmen und so bildungswirksam werden. Man muss das alles nicht live erleben. Wenn in der Schule Drogenprävention durchgenommen wird, werden ja auch nicht Drogen verteilt. In den Schulen gerät leider langsam außer Acht, was Unterricht eigentlich ist. Es ist die Vorbereitung auf das, was ich die Autorschaft des eigenen Lebens nenne, also die Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Dasein mit der Fähigkeit, Argumente selbst abzuwägen mit Urteilskraft und Entscheidungsstärke. Naives Wischen gehört dazu nicht.

In Niedersachsen wir das schriftliche Dividieren in Grundschulen nicht mehr unterrichtet, in Berlin Goethes „Faust“ an manchen Gymnasien in leichter Sprache gelesen – verweichlicht die Bildung oder ist dieser Befund übertrieben?

Nein, da sehe ich schon einen gefährlichen Trend, der sich durch viele Bereiche zieht. In Grundschulen muten wir den Kindern keine Diktate mehr zu, bei den Bundesjugendspielen wird der Leistungsanspruch reduziert. Dahinter steht das Ziel, die Abiturquote fortwährend zu erhöhen. Ich halte das für falsch.

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