INTERVIEW

Herr Altinger, warum brauchen wir Witze?

von Redaktion

Der Kabarettist über den Wandel unseres Humors und die Kunst der guten Pointe

Michael Altinger begann seine Kabarettisten-Karriere im Jahr 1995. © Robert Haas/pa

Michael Altinger ist einer der bekanntesten Kabarettisten, Comedians und Autoren in Bayern. Der 55-jährige Wasserburger ist eigentlich ausgebildeter Sozialpädagoge, hat es aber vorgezogen, seine Studien von der Bühne aus zu machen. Zum Glück, schließlich ist Lachen die beste Therapie. Der zweifache Familienvater weiß, was gute Witze ausmacht.

Herr Altinger, lieber einen guten Witz schlecht erzählen oder einen schlechten Witz gut?

Einen schlechten Witz gut. Weil der Vortragende entscheidend ist. Wenn der die richtige Präsenz hat und ein Gespür für Rhythmus und Melodie, dann ist die Lachbereitschaft bei den Zuhörern schon mal auf einem höheren Level. Das ist einem manchmal in die Wiege gelegt. Mir fällt da der Kollege Martin Frank ein. Der ist sogar schon lustig, bevor er was sagt.

Kann man lernen, andere zum Lachen zu bringen?

Lernen kann man alles, aber ich glaube schon, dass du ,funny bones‘ (wörtlich ,lustige Knochen‘) haben musst, die sind natürlich auch genetisch bedingt. Da kommt jetzt der Sozialpädagoge raus: Hier greift das Anlage-Umwelt-Modell, also die Veranlagung und die Erziehung. Meine Mama ist sehr lustig, und meine Oma war eine extrem gute Witze-Erzählerin. Wer übrigens sagt: Ich kann mir keine Witze merken, der hat in der Regel einfach nur Angst, beim Vortrag zu versagen.

Dieses Problem hatte Ihre Oma wohl nicht…

Sie liebte den klassischen Altherrenwitz. Je sexistischer und schlüpfriger, umso lieber. Ich hab mich immer gefragt, warum das „Altherrenwitz“ heißt, denn es waren hauptsächlich meine Tanten und Großtanten, die sich da weggeschmissen haben. Das sind Witze, die man heute nicht mehr erzählen kann. Ein harmloser ist der: „Frau Pospischil sagt zu Frau Wafratil: „Stellen Sie sich vor, neulich hat der Postbote geklingelt und gefragt: Ist Ihr Mann zu Hause? – Ich verneinte, und dann kam er in die Wohnung und hat mich einmal glücklich gemacht, hat mich zweimal glücklich gemacht, dreimal… Und jetzt frag ich Sie: Was wollte der von meinem Mann?“

Der geht heute nicht mehr.

Absolut nicht. Aber die Tanten haben sich gekugelt. Witze sind auch immer Zeitgeschichte. Und immer auch ein Spiegel von gesellschaftlichem Grundwissen. Das hat sich sehr verändert. Vor allem, was religiöses Wissen betrifft. Da greifen viele Pointen heute nicht mehr.

Ein Beispiel?

Zwei Dinosaurier sitzen am Strand, schauen aufs Meer und kiffen. Da fährt auf einmal die Arche Noah vorbei. Der eine Dino zum anderen: „Mist, war das heute?!“ – Sie lachen, aber ich treffe immer häufiger auf Leute, die nicht mehr wissen, wofür die „Arche Noah“ steht. Dann macht der Witz keinen Sinn mehr.

Wo rangiert denn Bayern in der bundesweiten Witze-Tabelle?

Ganz weit vorn. Wir haben eine wunderbare Witzkultur. Je lustiger, desto mehr Schranken fallen. Überall, wo Menschen zusammenhocken, da sind Witze dahoam.

Stimmen Sie zu: Je schlimmer die Zeiten, desto wichtiger Witze?

Witze sind überlebenswichtig. Denken Sie an die derben Witze in Konzentrationslagern im Dritten Reich. Die Gefangenen haben sie erzählt, um sich und die anderen zu spüren, um Gesellschaft zu erzeugen, Gemeinschaft und Lebendigkeit. Die Leute brauchen den Witz als Fluchtweg aus der Realität. Die heutige Zeit schreit immer lauter nach guten Witzen. Gott sei Dank ist da schon auch noch etwas Luft nach oben. Aber natürlich merke ich auf der Bühne, dass anders reagiert wird als vor zehn Jahren.

Inwiefern anders?

Zum einen liegt das am schon besprochenen veränderten Grundwissen – aber zum anderen auch daran, dass viele unschöne Themen immer näher rücken. Rechtsruck, Klimawandel, Trump. Je näher ein Thema an den Einzelnen heranrückt, desto schwieriger wird es, Lacher zu ernten.

Gibt es zeitlose Witze?

Einen, den ich seit 20 Jahren erzähle und der immer noch sitzt, ist der: „Ich bin neulich hinter einem Luxus-Wohnmobil hergefahren, auf der Heckscheibe stand in großen Buchstaben: Wir verprassen das Erbe unserer Kinder. Ich schmunzle, bis ich beim Überholvorgang feststelle: Das sind meine Eltern.“

Können Sie sich an den allerersten Witz erinnern?

Ja, da war ich ungefähr sechs Jahre alt. Kari und Lucki müssen in die Kirche, und der Lucki hat noch ein Butterbrot in der Hand. Der Kari sagt: „Damit kannst du nicht in die Kirche, leg es da aufs Brückengeländer.“ Der Lucki tut‘s, sie gehen in die Kirche, und der Pfarrer predigt: „Jesus ging über die Brücke…“, und der Lucki ruft entsetzt: „Hoffentlich hat er mein Butterbrot nicht gegessen!“

Haben Sie da schon gewusst, dass das mal Ihr Beruf wird?

Es war schon ganz früh mein unbedingter Wunsch. Die Eltern hielten das damals natürlich noch für eine Spinnerei, aber nachdem ich als junger Mann meine Berufsausbildung brav abgeschlossen hatte, waren sie beruhigt. Und ich konnte das machen, wovon ich schon als Bub geträumt habe.

Wenn Sie nach einem Auftritt heimkommen, geht die Gaudi dann weiter?

Da ist das Adrenalin schon gut runter, ich brauche nach Feierabend keine Witze mehr. Erst wieder so ab 10 Uhr vormittags. Da teste ich dann meine Pointen an meiner Frau. Die hat um diese Tageszeit meistens überhaupt keinen Nerv dafür. Aber da gilt für mich die goldene Regel: Wenn sie den Witz nicht hören will, aber muss, und danach trotzdem lacht, dann funktioniert der garantiert auch auf der Bühne.

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