DAS PORTRÄT

Lebenslange Liebe für die Brieftauben

von Redaktion

Hans Schichtl aus Greiling. © Arndt Pröhl

Hans Schichtl war etwa zwölf Jahre alt, als er seine ersten Brieftauben kaufte. Das ging allerdings damals nicht lange gut. Was nicht an Schichtl lag, sondern am benachbarten Bauern. Der war alles andere als angetan von dem Federvieh – und schoss es mit einem Luftgewehr ab. Schichtl meldete den Vorfall damals bei der Gemeinde Reichersbeuern im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Dort erfuhr er, dass er seine Brieftauben anmelden und registrieren muss. Und außerdem nachweisen, dass er mit den Tieren keine Spionage betreibt. Als er das geschafft hatte, mussten seine Tauben nur noch Wanderfalken oder Habichte fürchten – keine Landwirte mehr.

Die Begeisterung für die Brieftaubenzucht verdankt Schichtl dem Konditionstrainer des SC Reichersbeuern: Lorenz Funk. Er habe die Brieftaubenzucht im Ort angekurbelt, begleitete die Jugendlichen auf dem Moped zu den Startplätzen nach Warngau und Lenggries. So schaffte er es, dass sich viele Eishockeyspieler für die Zucht begeisterten. Wer im Dorf etwas gelten wollte, musste sich Brieftauben kaufen, erinnert sich Schichtl. Seine Leidenschaft hat sich seit damals nicht verändert. Und auch der Ablauf eines Flugtages nicht. Die Tauben bekommen einen Code-Ring um den Fuß, auf dem Vereinsnummer, Jahrgang und Nummer der Taube stehen. Jedes Wochenende gibt es einen Wertungsflug. Schichtl packt dann seine Tauben in Körbe. Die Reisevereinigung Loisachtal schickt einen Lastwagen los, der von Züchter zu Züchter fährt und die Tiere abholt. Die Brieftauben werden an mehr oder weniger weit entfernten Orten in die Freiheit entlassen. Je nach Wind und Witterung fliegen sie mit 60 bis 100 km/h zurück zu ihrem Taubenhaus. Die schnellsten Tauben werden ausgezeichnet. „Das ist das Spannendste an dem Ganzen“, sagt Schichtl.

In seiner Familie ist er mit seiner Begeisterung ziemlich allein. Außer dem 82-Jährigen wagt sich kaum jemand ins Dachgeschoss seines Hauses, wo er rund 60 Brieftauben versorgt. Allein für das Futter gibt Schichtl jedes Jahr rund 1000 Euro aus. Dazu kommen die Kosten für Impfungen, Präparate und Zusatzfutter. In seinem Verein gibt es mittlerweile nur noch drei aktive Züchter. „Wir sind eine aussterbende Art. Die Jungen schauen auf ihr Handy, wir schauen lieber in die Luft.“ Auch Schichtl wollte seinen Bestand schon mal reduzieren. „Aber dann kommen wieder ein paar Junge nach und ich lass sie doch wieder fliegen.“ PATRICK STAAR

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