Auf der Hütte weht ein anderer Wind

von Redaktion

100 Fassl Bier und 100 Kilo Fleisch: So überwintert Wirt Peter Pruckner im Stahlhaus

Hütten-Team, Großhändler und Helikopter-Crew beim Beladen der Transportnetze.

Wirt Peter Pruckner vor dem Carl-von-Stahl-Haus am Torrener Joch. © Privat

Peter Pruckner ist seit 30 Jahren Hüttenwirt. Viele Winter hat der 68-Jährige im Schnee verbracht. Seit 2012 im Carl-von-Stahl-Haus in den Berchtesgadener Alpen. Das „Stahlhaus“ der Sektion Salzburg liegt nur fünf Meter hinter der bayerischen Grenze. Als einzige Alpenvereinshütte der Ostalpen hat sie ganzjährig geöffnet. Der Winter verlangt einem hier viel ab – körperlich und mental.

Wie viele Stunden Ihres Lebens haben Sie mit Schneeschaufeln verbracht?

Ha! Wohl weniger als jemand, der im Tal Winter um Winter seine Einfahrt freischaufelt (lacht). Seit ich das Stahlhaus am Torrener Joch 2012 übernommen habe, schaufle ich noch seltener. Der Wind fegt frischen Schnee ums Haus meist direkt wieder weg. Praktisch!

Waren Sie trotzdem schon mal eingeschneit?

Unsere Winter haben sich in den vergangenen Jahrzehnten einfach verändert. Auch auf 1736 Metern Höhe fällt nicht mehr so viel Schnee wie früher. Ein Ausnahmejahr vergesse ich nie: Als im Januar 2019 in den Tälern Dach für Dach freigeschaufelt wurde, lagen hier oben drei, vier, vielleicht fünf Meter Schnee. Wir konnten die Hütte tagelang nicht verlassen. Wenn, nur vom ersten Stock aus – bei akuter Lawinengefahr. Nach einigen Tagen haben wir eine Freundin mit dem Helikopter ausfliegen lassen. Sie ist mit ihrem Baby zu Besuch gewesen. Erst nach 14 Tagen kam damals wieder ein erster Gast.

Wie fühlt sich diese völlige Isolation an?

Wir hatten es warm und waren bestens versorgt. Im Winter gibt es ja nicht die Möglichkeit, Ware wie im Sommer über die Straße raufzubringen. Im Spätherbst lasse ich per Helikopter alles Nötige auf die Hütte fliegen. Nur frisches Gemüse, Milch, Eier und Co. fahren wir danach mit der Jennerbahn rauf und tragen es zu Fuß 45 Minuten zum Stahlhaus.

Das klingt nach einem echten Knochenjob…

Man darf ruhig stolz drauf sein, was man körperlich leistet, um diese moderne Hütte zu betreiben! Wir zählen pro Jahr 12000 Übernachtungsgäste. Der Großteil kommt von Juni bis Anfang November, nur etwa 2500 im Winter. Obendrauf verpflegen wir genauso viele Tagesgäste. Im Spätherbst decke ich uns anhand der Zahlen vom Vorjahr mit Material und Vorräten ein: etwa mit 100 Bierfässern, palettenweise Milch, Mehl und Zucker zum Kochen und Backen, Dosengemüse und gut 100 Kilogramm Frischfleisch, das wir oben einfrieren.

Was passiert, wenn Vorräte zur Neige gehen?

Um Silvester war viel los. Aktuell sind wir im Brot-Notstand. Das eingefrorene Brot ist aus, also haben wir jetzt zusätzlich Arbeit, weil wir selbst backen. Ein weiterer Flug kostet 600 Euro und muss sich rentieren. Anfang Februar lasse ich aber wohl noch mal was einfliegen.

Wegen solch aufwendiger Logistik gibt es kaum entlegene Hütten, die im Winter geöffnet haben. Wieso tun Sie sich das an?

Ich bin so aufgewachsen. Meine Mutter stammt aus Mittenwald und mein Vater aus Telfs in Tirol. Er hat am Hahnenkamm in Reutte seinen Berggasthof auch im Winter betrieben. Da hab ich als Bub Skifahren gelernt und geholfen, die Einkäufe mit dem Akia von der Bergstation zur Hütte zu bringen. Abenteuerlich!

Danach kam wohl kein Bürojob mehr in Frage?

Ich habe Schalungszimmerer gelernt und danach Restaurant- und Hotelfachmann. Zudem wurde ich ein fast fanatischer Alpinist und Kletterer und war sehr viel in Südamerika unterwegs. 1995 wurde ich Hüttenwirt auf der Barmer Hütte auf 2610 Metern in Osttirol. Weil die eben nicht ganzjährig geöffnet hatte, habe ich dann auf die Rieder Hütte im Salzkammergut gewechselt. Mir ist der Winter am Berg ja lieber als der Sommer!

Wieso?

Es ist die Zeit, in der man dort selbst auch mal zum Durchschnaufen kommt. Bevor mein Sprunggelenk so kaputt war, bin ich neben der Arbeit auf der Hütte noch selbst jeden Tag Skifahren gewesen. Fernab vom Hochbetrieb an Feier- und Kaiserwettertagen genieße ich die „staade Zeit“. Wir haben 364 Tage im Jahr geöffnet, an Heiligabend bin nur ich alleine oben.

Muss man als Hüttenwirt im Winter die Einsamkeit lieben?

Man muss es mögen, allein zu sein und zu verzichten. Kino, Supermarkt und Wirtshaus-Stammtisch liegen nicht ums Eck. Wenn hier mal nicht volles Haus herrscht, ist das für mich als Einzelgänger keine vergeudete Zeit. Ich würde die Hütte ungern als Paar führen wollen, weil man ziemlich aufeinander hockt. Dennoch: Die acht Jahre, in denen mein Sohn Michael (28) mitgeholfen hat, waren eine schöne Zeit.