Gefährliche Angriffe auf Retter

von Redaktion

Zwei schwere Fälle am Wochenende – Rotes Kreuz schult Einsatzkräfte

Einsatz: ein Rettungsdienst-Fahrzeug in München. © IMAGO

München – Zwei Angriffe auf Rettungskräfte am Wochenende haben in Bayern erneut die Aufmerksamkeit auf ein sensibles Thema gelenkt: In einer Asylunterkunft in Gablingen (Kreis Augsburg) griff ein stark alkoholisierter 18-Jähriger einen Notarzt mit einer zerbrochenen Glasflasche an. Der Mediziner konnte sich unverletzt zurückziehen, der staatenlose Mann wurde von der Polizei festgenommen und in ein Krankenhaus gebracht.

In Saal an der Donau (Kreis Kelheim) attackierte ein 26-Jähriger, der sich laut Polizei in einem psychischen Ausnahmezustand befand, zwei Rettungssanitäter. Ein 40-jähriger Sanitäter wurde dabei ins Gesicht geschlagen und verletzt.

Vorfälle wie diese sorgen regelmäßig für Diskussionen. Bundesweit verzeichnete das Bundeskriminalamt im Jahr 2024 mehr als 2000 Gewalttaten gegen Rettungskräfte, die Zahl der Betroffenen erreichte einen Höchststand. Die Lage in Bayern ist differenzierter.

„Aggressions- und Gewaltereignisse gehören leider zur Realität im Rettungsdienst“, sagt Sohrab Taheri-Sohi, Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes. Sie seien aber weder strukturell noch allgegenwärtig. Rettungskräfte hätten es häufig mit Menschen in extremen Ausnahmesituationen zu tun – mit Todesangst, emotionaler Überforderung oder großer Sorge um Angehörige. Ein wesentlicher Faktor sei Alkohol- oder Drogenkonsum, ein Großteil der Übergriffe stehe damit in Zusammenhang, erklärt der BRK-Sprecher. Das zeigt auch die Statistik: Während 2015 noch 180 Gewaltvorfälle gegen BRK-Einsatzkräfte registriert wurden, waren es 2024 nur noch 56. „In lediglich acht dieser Fälle lag keine Alkohol- oder Drogenintoxikation vor.“

Auch frühere Ereignisse unterstreichen dieses Muster. Mitte Januar kam es in Landshut gleich zu mehreren Einsätzen, bei denen Rettungskräfte beleidigt oder angegriffen wurden. Ein betrunkener 56-Jähriger drohte, sich auf die Straße zu legen, als Sanitäter keinen Behandlungsbedarf sahen. Eine 69-Jährige schlug in einem Rettungswagen auf das Personal ein und verletzte eine Sanitäterin. Ähnliche Fälle wurden zuvor auch aus Erdweg (Kreis Dachau) gemeldet.

Trotzdem sieht das BRK keinen Anlass für Alarmismus. Man setze auf Deeskalation und Schulung. Mitarbeiter lernen, gefährliche Situationen früh zu erkennen, Abstand zu halten und sich notfalls zurückzuziehen. Schutzwesten oder eine „Aufrüstung“ lehnt das BRK ab. Sie vermittelten eine trügerische Sicherheit und reduzierten Gefahren nicht nachhaltig, so Taheri-Sohi. Wenn ein erhöhtes Gewaltpotenzial bereits bei der Alarmierung erkennbar sei, werde automatisch die Polizei mitgeschickt.

Zugleich grenzt sich das BRK klar von bundesweit viel beachteten Gewaltexzessen ab. „Gewalttaten wie in der Silvesternacht in Berlin haben sich in dieser Form in Bayern nicht ereignet“, betont Taheri-Sohi. Hinterhalte oder gezielte Angriffe auf Rettungskräfte seien hierzulande nicht bekannt. Das liege auch an der Präsenz der Polizei und der guten Ausbildung der Sanitäter: „Der Schutz und die Sicherheit unseres Personals hat oberste Priorität. Denn wenn wir verletzt sind, wird niemandem geholfen.“

Dass es dennoch eine Dunkelziffer gibt, räumt das BRK ein. Vor allem verbale Übergriffe würden oft nicht gemeldet. Für betroffene Einsatzkräfte stünden psychologische Betreuungsangebote bereit. TSR

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