Mittelschulen zu selten im Rampenlicht

von Redaktion

Lehrermangel, fehlende Wertschätzung und schlechter Ruf: BLLV stellt Forderungen an die Politik

München – „Warum sind Sie eigentlich nur Mittelschullehrer geworden?“ Diese Frage bekam Florian Schmidt vor einigen Jahren als sehr junger Lehrer von einem Schüler gestellt. Das „nur“ beschäftigt Schmidt, mittlerweile Schulleiter der Mittelschule an der Rockefellerstraße in München, auch heute noch. Denn das „nur“ sage viel über das Selbstbild des Kindes aus sowie über das Bild von Mittelschulen in der Gesellschaft. „Die Art, wie darüber gesprochen wird, wirkt außerdem unmittelbar auf die Attraktivität des Berufs“, sagt Schmidt. Unter anderem daran müsse geschraubt werden, forderte der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) gestern bei einer Pressekonferenz zum Thema „Mittelschulen in Bayern im realpolitischen Fokus. Politische Showveranstaltungen sind von gestern. Echte Verbesserungen sind nötig!“

Ende 2025 lud die bayerische Kultusministerin Anna Stolz Vertreter der bayerischen Mittelschulfamilie zu vier Austauschformaten ein, um unter anderem über die Entwicklungen, Herausforderungen sowie über die zukünftigte Ausrichtung zu sprechen. Die Ergebnisse waren „ernüchternd“, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann und betont: „Der besondere Stellenwert der Mittelschulen muss besonders bedient werden.“

Eine besondere Herausforderung ist etwa der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund. Er liegt bei mehr als 50 Prozent, 48 Prozent sprechen nicht Deutsch als Muttersprache, sagt BLLV-Vizepräsident Gerd Nitschke. Christian Karrasch ist Förderlehrer an einer Mittelschule in Ingolstadt. Dort liegt der Migrationsanteil sogar bei 85 Prozent. Wenn Karrasch Deutsch als Zweitsprache unterrichtet, sitzen Kinder in der Klasse mit unterschiedlichsten Vorkenntnissen und Vorgeschichten, darunter Kriegstraumata. „Alle unter einen Hut zu bringen ist unglaublich schwierig, fast schon unmöglich“, sagt Karrasch. Dazu kommt der Lehrermangel.

Rund 940 Mittelschulen, 22 200 Lehrkräfte und 207 000 Mittelschüler gibt es in Bayern – Anzahl steigend. „Wir haben zu wenig Kräfte, um den Schüleranstieg überhaupt zu meistern“, sagt Nitschke. Meike Fuchs leitet eine Klasse der Mittelschule Simmernstraße in München. „Mein Anspruch ist es, jedes Kind, das es braucht, individuell zu unterstützen“, sagt sie. Dazu zählen Verhaltensdokumentationen, Elternarbeit und die Zusammenarbeit mit Schulpsychologen – zusätzlich zur Unterrichtsvorbereitung und Nachbereitung. „Wir stoßen an eine ganz natürliche Grenze, nämlich die, dass der Tag nur 24 Stunden hat“, sagt Fuchs. Schmidt ergänzt: „Das System funktioniert nur, weil viele schon über ihre Belastungsgrenze hinaus arbeiten.“

Schmidt erlebt viele Stärken und Talente bei den Schülern, zeitgleich aber auch Auffälligkeiten und Leistungsstörungen. „Wir sind genau dafür ausgebildet“, sagte er. Die Mittelschule bereitet die jungen Menschen außerdem auf systemrelevante Berufe vor. Aber, das bemängelt BLLV-Vizepräsident Nitschke, Mittelschüler würden häufig gar nicht erst zu Vorstellungsgesprächen für Ausbildungsberufe eingeladen werden.

Der BLLV hat nun einige Forderungen an die Politik: Das Berufsbild etwa muss attraktiver werden, die Ausbildungsbedingungen verbessert und Lehrer entlastet werden.FRANZISKA WEBER

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