48 Jahre im Einsatz waren die eierförmigen Seilbahnkabinen aus Cortina d‘Ampezzo. Aufgrund ihrer Größe eignen sie sich nicht als „Culinary-Gondeln“. © Andrea Jaksch (2)
Schweizer Flair versprühen die Olympia-Gondeln.
Utting am Ammersee – Eine Zeitmaschine. Die würde Luis Weber gefallen. Auf seinen Besuch einstellen müssten sich aber weder die Dinosaurier noch die alten Ägypter. Der Uttinger wäre in den 1950er-Jahren unterwegs. Wahrscheinlich in Lenggries. Wie gerne würde er sich dort den Bau der Brauneckbahn ansehen. „Das war eine echte Meisterleistung“, schwärmt der 27-Jährige fast wehmütig und reibt sich wärmend die Hände.
Es ist ein bitterkalter Vormittag am Ammersee, als Luis Weber in seiner Lagerhalle verschwindet. Im gepflasterten Vorhof wimmelt es von Seilbahngondeln. Auf der größten von ihnen hält sich wacker der Frost der letzten Nacht. „Tafamuntbahn“ steht in weißen Lettern darauf. Ein sonderbarer Anblick. Beinahe fühlt man sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Vielleicht hat Luis Weber ja doch irgendwo eine Zeitmaschine versteckt. Dann taucht er wieder auf. Ohne Zeitmaschine, dafür mit einem kleinen Heizstrahler. Er stellt ihn in eine der silbergrauen Seilbahngondeln, die mit offenen Türen vor der Halle herumstehen – fast so, als hätten sie Besuch erwartet. Der junge Mann mit dunkler Daunenjacke und gegeltem Haar blickt noch einmal über seinen Innenhof und grinst. „Jetzt können wir uns reinsetzen.“
Im Leben des 27-Jährigen dreht sich alles um Bergbahnen. Schon in seinem Kinderzimmer pendelten einst bunte Gondeln im Miniaturformat hin und her, erzählt er und schließt die Fenster der Kabine. Als die Klapptür eingerastet ist, rutscht er behutsam ans Ende der Sitzbank. Was für andere nur eine öde Blechschachtel ist, hat für den jungen Mann einen hohen ideellen Wert. Kratzer an den Plexiglasscheiben oder Furchen an den Einstiegstüren – reif für die Schrottpresse? Nicht bei Luis Weber. „Mein Herz schlägt für die Authentischen“, sagt er. Weil sie Geschichten erzählen.
Mehr als 300 Gondeln aus fünf Ländern hat er gesammelt. Am Ammersee haucht er ihnen neues Leben ein. Einen Teil seiner Seilbahnkabinen verleiht er an Modehäuser, Hotels und Gastronomen – von Hamburg bis St. Moritz. Auch auf Messen oder in Filmstudios sind seine Gondeln gefragt. Es ist ein Geschäft, von dem er inzwischen leben kann. „Der muss bestimmt geerbt haben.“ Den Satz hort Luis Weber öfters. Doch da kann er nur müde lächeln. Schließlich hat der 27-Jährige sein Unternehmen ganz alleine aufgebaut. „Ich arbeite teilweise bis in die Nacht hinein.“
Seine Leidenschaft kommt auch in der Öffentlichkeit gut an. So gut, dass im vergangenen Jahr plötzlich das Schweizer Außenministerium bei Luis Weber anklopfte. Jetzt winkt ihm sein bislang größter Auftrag. Die Schweizer möchten drei seiner Gondeln bei den anstehenden Olympischen Winterspielen vor dem „House of Switzerland“ im italienischen Cortina d‘Ampezzo aufstellen, um „den Charme und die Nostalgie der Schweizer Alpen“ erlebbar zu machen. „Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Weber. Über den gesamten Zeitraum der Olympischen und Paralympischen Spiele sollen Gäste in den Seilbahnkabinen aus Webers Sammlung Schweizer Spezialitäten aufgetischt bekommen. „Culinary-Gondeln“ nennt der Uttinger das Konzept, mit dem er auch andernorts großen Erfolg hat. „Die Rückmeldungen sind eigentlich alle positiv.“
Doch welche Gondeln treten die Reise nach Italien an? Freilich, als engagierter Sammler hortet der 27-Jährige auch einige rostrote Cortina-Kabinen aus dem Jahr 1968 in seinen heiligen Hallen. Als „Culinary-Gondeln“ taugen die aber nicht. Von außen wirken die ulkigen Göndelchen aus den Dolomiten wie Telefonzellen auf Diät und bieten gerade einmal Platz für zwei Personen – stehend. Für Luis Weber war klar: Echte Schweizer müssen her. Ein Glück, dass er sich einige Kabinen der Vorabbahn aus Laax in Graubünden gesichert hat. Bei ihrer Eröffnung im Jahr 1978 war sie die erste 6er-Kabinenbahn der Schweiz, erklärt Weber. Im Inneren ist es mittlerweile so warm, dass die Scheibe beschlägt. Die beheizte Gondel in seinem Hof ist eine der Auserwählten für Olympia.
In den vergangenen Wochen hat Weber die Kabinen aus Laax hergerichtet und penibel darauf geachtet, ihre Patina zu erhalten. Was er einbaut, „soll zum nostalgischen Stil passen“, erklärt er. Knallbunte Farben oder Sitzbänke mit Schlangenledermuster sucht man vergeblich. „Das wäre eine Schande.“ In den beheizbaren Kabinen hat Weber weiße Schaf-Felle verteilt und dazwischen eine massive Tischplatte aus Eichenholz installiert. Gestützt wird sie von einem Stück Gondelseil, das am Hintertuxer Gletscher in Tirol einst den Skibetrieb am Laufen hielt. Inzwischen sind die Kabinen fast fertig für die Olympia-Reise. „Ich muss nur noch mal den Boden aufschrauben.“ An diesem Freitag holt eine Spedition die drei Gondeln ab und bringt sie in den Olympiaort. Die Zeitreise kann beginnen. FLORIAN ZERHOCH