Milch-Protest am Odeonsplatz

von Redaktion

Preisverfall: Bauern fordern Entschädigungen für Lieferverzicht

Milchbauer Ried aus dem Ostallgäu. © cm

Mit großen Bulldogs fuhren Milchbauern gestern in München zwischen dem Odeonsplatz und dem Agrarministerium vor. © Michaela Hartmann

München – Peter Ried ist in großer Sorge. Der 62-jährige Milchbauer aus Unterthingau (Kreis Ostallgäu) ist extra nach München gekommen, weil er mit seinen Mitstreitern vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) wegen einer drohenden Milchkrise ein sofortiges politisches Handeln zur Stabilisierung der Agrarmärkte fordert. In Sichtweite zum Agrarministerium sind rund 80 Traktoren vorgefahren. Vorne an der Traktorgabel hängen Plakate mit Aufschriften wie „Kriseninstrumente aktivieren statt Bauern ruinieren“.

Gut 300 Mitglieder des Verbandes, der sich in Konkurrenz zum Bayerischen Bauernverband (BBV) sieht, aber vielleicht zehn Prozent der Milchbauern vertritt, haben sich auf dem Odeonsplatz versammelt. Die BDMler verstehen sich als „Wachrüttler“, denn noch sind die sinkenden Milchpreise auf den Höfen in Bayern nicht angekommen. Bis Jahresende haben Milchbauern in Oberbayern noch über 48 Cent für konventionelle Milch und über 67 Cent für Biomilch bekommen. Aber die Lage ändert sich. In Schleswig-Holstein ist der Milchpreis schon auf 38 Cent gesunken. 60 Milchkühe stehen im konventionell betriebenen Hof von Peter Ried. Derzeit bekommt er noch fast 50 Cent von der Molkerei. „Die Börsendaten zeigen steil nach unten“, klagt Ried. Fürs erste Quartal wurden schon Kürzungen von zehn Cent angekündigt. Bis Juni soll es weiter runtergehen.

Der BDM operiert mit bedrohlichen Rückgängen: „Allein von September bis Januar haben wir in Bayern 100 Millionen Euro an Milchgeld verloren“, ruft BDM-Landesvorsitzender Hans Leis ins Mikrofon. Die EU müsse einen „Freiwilligen Lieferverzicht“ mit Entschädigung aktivieren. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) sollten sich auf EU-Ebene dafür einsetzen. Dieses Instrument wurde bereits vor zehn Jahren eingesetzt, als der Milchpreis abgestürzt war. Damals gab es von der EU 14 Cent für jeden Liter, der zwischen Oktober und Dezember 2016 weniger an die Molkerei geliefert wurde. Der BDM erhofft sich davon, dass die Milchmenge reduziert wird. Denn: Das derzeitige Problem ist, dass zu viel Milch auf dem Markt ist. Zudem drücken Aktionen des Einzelhandels, der die Butter für 99 Cent verramscht, den Milchpreis empfindlich.

Hans-Jürgen Seufferlein, Direktor des Verbands der Milcherzeuger Bayern, erklärt auf Nachfrage: „Auch in Deutschland läuft die Milchanlieferung auf Hochtouren.“ In der zweiten Woche dieses Jahres lag sie bei sechs Prozent über dem Vorjahr. In der EU und auf dem Weltmarkt gebe es ebenfalls „unnatürlich hohe Milchmengen“. Seit Herbst sei das bekannt, aber niemand habe reagiert. „Ich hätte mir gewünscht, dass große Molkereien und Genossenschaften gesagt hätten, dass die Bauern mal eine Kuh früher zum Schlachten geben sollten bei den derzeit hohen Rindfleischpreisen.“ Man hätte gegensteuern müssen. Der BBV ist gegen einen Freiwilligen Lieferverzicht. Milchpräsident Peter Köninger setzt auf ein funktionierendes Verkaufsmanagement der Milcherzeugergemeinschaften und die aktive demokratische Mitwirkung in den Genossenschaften. Zudem müsse die Politik die Bauern von Bürokratie befreien.

Ein Politiker stellt sich demonstrativ auf die Seite des BDM: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW). Seit jeher im Clinch mit Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU), präsentiert er sich kurz vor der Kommunalwahl einmal mehr als Kämpfer für die Milchbauern. Wohlwissend, dass ein freiwilliger Lieferverzicht gegen Entschädigung nur auf EU- Ebene entschieden werden kann. Er verspricht, die BDM-Forderung ins Kabinett mitzunehmen. Es sei logisch: „Wo zu viel Menge ist, geht der Preis runter.“ Der Teufelskreis müsse unterbrochen werden. Der EU-Agrarkommissar müsse reagieren, „sonst steuern wir auf eine Krise zu.“ CLAUDIA MÖLLERS

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