Nachbarn, Kolleginnen, Freunde, Partner – unerschöpflicher Quell für den Austausch am Kaffeetisch, im Treppenhaus oder auf der Straße. Das ist menschlich, solange man an Menschen echtes Interesse hat: Der Mann über der Straße, der Kinder, Beruf und Dackel unter einen Hut bringt; die Schwägerin, die sich mit 68 Jahren in der Uni angemeldet hat; der Bruder, der dem Whiskey sehr zugeneigt ist – man sorgt sich.
Solches Reden nimmt nicht in Anspruch, alles über den anderen zu wissen. Wer aufrichtig am Leben anderer teilnimmt, der weiß, dass sie immer mehr sind als alles, was man von ihnen kennt und erzählt. Will man sich prüfen, ob das, was man gerade äußern möchte, vertretbar ist, braucht man nur überlegen: Kann ich das, was ich über jemanden sage, ihm oder ihr auch ins Gesicht sagen? Wenn nicht, wird es schwierig.
„Wenn alle Menschen wüssten, was die einen über die anderen reden, so gäbe es keine vier Freunde auf Erden.“ Blaise Pascal hat diesen Satz gesagt, der berühmte Mathematiker und Literat. Manchmal ist es Verunsicherung, die Menschen treibt, Schlechtes über andere zu sagen. Da gibt es jemanden, der einen mit Lebensart in Frage stellen könnte. Am besten „richtet“ man solche Menschen „aus“ an dem, was man selbst für richtig hält.
Oft streckt hinter übelwollenden Worten die Sehnsucht, etwas zu gelten und darzustellen – also Minderwertigkeitsgefühle. Da ist die Versuchung groß, mit vermeintlichem Wissen zu prahlen, sich im Mittelpunkt aufgeregter Neugier zu sehen. Selten wird hinterfragt, woher die vermeintlichen Informationen kommen, die hinterhältig als Tatsachen verkauft werden. Gemeiner Klatsch und Tratsch, gar Verleumdung zerstören Beziehungen.
Das achte Gebot mahnt deshalb: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten.“ Martin Luther legt das so aus: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, üble Nachrede betreiben oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Blaise Pascal sprach hier von der „intelligence“ oder „raison du coeur“.
Es geht um Intelligenz des Herzens, der Herzensbildung. Wer Herzensbildung besitzt, der versteht etwas vom Leben. Davon, dass es Achtung und Respekt braucht im Miteinander. Sachliche Kritik an einem Menschen ist möglich, auch wenn er oder sie einmal nicht dabei ist. Aber das heißt, liebevoll jeden guten Gedanken aufzuheben, der einem in den Sinn kommt und ihn behutsam mitten ins Gespräch schweben zu lassen…