„Hitler war für ihn der Führer“

von Redaktion

Die Tagebücher des Münchner Kardinals Faulhaber sind jetzt komplett veröffentlicht

Michael von Faulhaber war seit 1917 Erzbischof, seit 1921 Kardinal.

Zwei Tagebuchseiten im Original. Sie sind in Gabelsberger Kurzschrift. © R. Kurzendörfer, Erzb. Archiv

Faulhaber-Experten: Philipp Gahn (li.) und Peer Oliver Volkmann. © Astrid Schmidhuber

42 Jahre lang schrieb der umstrittene Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952) geradezu besessen Tagebuch. Seit Kurzem sind alle Tagebücher, insgesamt 4030 Seiten, unter www.faulhaber-edition.de online nachlesbar. Weil Faulhaber in Gabelsberger Kurzschrift schrieb, mussten Tagebücher erst mühevoll „übersetzt“ werden. Theologe Philipp Gahn (59) und Historiker Peer Oliver Volkmann (60) waren in dem Projekt des Instituts für Zeitgeschichte München und des Seminars für Kirchengeschichte Münster die Haupt-Editoren. Sie ziehen Bilanz über ein zwölfjähriges Forschungsprojekt.

Wie haben Sie die Tagebücher eigentlich entdeckt?

Volkmann: Das ist eine Geschichte für sich. Faulhabers letzter Sekretär Johannes Waxenberger hatte die Tagebücher bald nach dem Tod des Kardinals an sich genommen. 1999 bestimmte Waxenberger, dass sie nach seinem Tod ins Erzbischöfliche Archiv gelangen sollen. Er starb 2010 – und sehr schnell danach haben Mitarbeiter des Archivs die Tagebücher in Siegsdorf gesichert.

Faulhaber war ein fanatischer Schreiber. Was war seine Motivation?

Volkmann: Die sogenannten Besuchstagebücher, die wir ediert haben, hat Faulhaber auch deshalb geführt, um eine Gedächtnisstütze zu bekommen, vor allem seit er 1917 von Speyer nach München gekommen war. „Mir schwirrt der Kopf vor Exzellencen“, schrieb er einmal.

Gahn: Faulhaber hat, bevor er Bischof wurde, kaum oder nur phasenweise Tagebuch geführt. Die Tagebücher seiner Speyrer Bischofsjahre sind sehr einfach gehalten. Namen reihen sich aneinander. Ab der Münchner Zeit nehmen die Aufgaben zu und er verwächst immer mehr mit dem Amt. Auch Emotionen werden dann sichtbar– erstmals sieht man das beim Tagebuch aus der Revolutionszeit 1918/19.

Wie muss man sich den Alltag eines Kardinals vorstellen?

Gahn: Um 6 Uhr in der Früh ist heilige Messe im Erzbischöflichen Palais – mit einem Ministranten. Und täglich. Für einen Priester ist das selbstverständlich. Danach eine Stunde Bibellektüre. Danach Mahlzeiten und Besuchszeiten. Abends Rosenkranz mit der Hausgemeinschaft. Sie besteht neben ihm aus zwei Haushälterinnen aus dem Orden der Barmherzigen Schwestern. Dann gibt es noch seine leibliche Schwester Katharina, zudem den Pförtner und den Sekretär. Im Frühsommer unternahm Faulhaber ausgeprägte Firmreisen. In Speyer war er tagelang mit der Kutsche unterwegs, in München hat er ab 1919 ein Auto. Ein Chauffeur fährt ihn, Faulhaber hat keinen Führerschein.

Wie stand Faulhaber zu Hitler?

Gahn: Faulhaber unterscheidet stark Hitler und den Nationalsozialismus. Die NS-Ideologie lehnt er strikt ab, das ist für ihn schlicht Häresie. Hitler war für ihn der Führer und zunehmend auch der Staatsmann.

Er erliegt dem Hitler- Mythos?

Gahn: Ja, er glaubt, zum Diktator einen persönlichen Draht gefunden zu haben, und nimmt ihm sogar einen Gottesglauben ab. Es ist schon niederschmetternd, das so zu lesen. Im November 1936 spricht er ihn auf dem Obersalzberg und glaubt sich mit ihm einig. Ein Großteil der Bischöfe lehnt diese Annäherung aber ab, natürlich auch Papst Pius XI. und der Kardinalstaatssekretär Pacelli. Mit ihnen treffen sich im Januar 1937 einige deutsche Bischöfe im Vatikan und beraten, wie es weitergehen soll. Als Resultat wird Faulhaber mit dem Entwurf zur Enzyklika „Mit brennender Sorge“ beauftragt, die im März 1937 in allen Kirchen verlesen wird – der schärfste Protest der Kirche gegen das Regime überhaupt. Faulhaber zerreißt es förmlich, weil er jetzt den Draht zu Hitler verloren zu haben glaubt.

Wie sah Faulhaber die Judenverfolgung?

Volkmann: Es ist widersprüchlich. Schon 1923, wenige Tage vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch, kritisiert Faulhaber, wie mit den Juden umgegangen werde. Das bringt ihm bei den Völkischen den Ruf eines Judenkardinals, so der Ausdruck damals, ein. Beim sogenannten Judenboykott im April 1933 äußert er sich nicht öffentlich, obwohl ihn Pfarrer aus seiner Diözese dazu auffordern. Im Gegenteil: Er schreibt sogar an den Chicagoer Bischof, dieser solle doch darauf hinwirken, dass die Gräuelpropaganda in der ausländischen Presse gegen Deutschland aufhöre. In den Adventspredigten 1933 greift er die NS-Rassenlehre an. Er setzt sich auch für sogenannte nichtarische Christen ein, also Juden, die zum Katholizismus konvertiert waren. Beschämend ist aber wiederum, dass es nach dem Pogrom 1938 keine Reaktion Faulhabers gab. Stattdessen predigt er über das Eintopfessen der Nationalsozialisten, eine Propagandaaktion.

Was wusste er vom Holocaust?

Volkmann: Spätestens Anfang 1942wusste er über Massenerschießungen polnischer und russischer Juden im Osten Bescheid. Dazu gibt es einen Tagebucheintrag vom 4. Dezember 1941: Damals wurde er vom Gräfelfinger Pfarrer JohannSchulz gefragt, ob ihn ein Stabsarzt von der Ostfront besuchen könne. Dieser Pfarrer schreibt dann im September 1945, das Treffen habe im Januar 1942 stattgefunden und der Stabsarzt habe Faulhaber über die Massenmorde berichtet.

Gahn: Einige Monate später spricht Faulhaber mit Pater Lothar König, ein Verbindungsmann zur Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis. Dabei werden die Konzentrationslager erwähnt.

Volkmann: Auch die Deportation der Münchner Juden in den Osten registriert er, relativ teilnahmslos und mit einer gewissen Kühle. Er nimmt auch öffentlich nicht Stellung.

Gahn: Emotionen hält er ja gerade absichtlich im Tagebuch zurück. Ich würde das nicht überbewerten.

Volkmann: Ich sehe es etwas anders. Er hat ja sehr viel Empathie mit sich selbst, schon bei der Revolution 1918, als er sich in Todesgefahr wähnt, und auch 1944/45 beim Dauerbombardement auf München, als er im Keller ausharren muss. Wenn dann die Blindgänger von den Straßen geräumt werden müssen, schreibt er, da seien die Dachauer am Werk. Gemeint waren KZ-Häftlinge.

Liebten die Münchner ihren Kardinal?

Gahn: Die Münchner Katholiken auf jeden Fall. 1952 bei der Beerdigung gab es einen riesigen Auflauf. Faulhaber war einfach eine Autorität.