Sebastian Daller mit seiner Doktorarbeit: Der ehemalige Gstanzl-Sänger beschäftigt sich darin mit der „Schnaderhüpfel-Anatomie“. © Privat
Teugn – Viele Jahre galt Sebastian Daller aus Teugn bei Kelheim als einer der besten Gstanzl-Sänger in Bayern – bis er vor zehn Jahren einfach aufgehört hat. Im BR-„SchleichFernsehen“ ist er noch aufgetreten, aber öffentliche Auftritte auf der Bühne, die gab es nicht mehr. „Ich hab einfach nicht mehr mögn“, lautet Dallers Erklärung.
Nun aber meldet sich der 41-jährige Niederbayer zumindest thematisch zurück, und zwar mit seiner Doktorarbeit, die der Deutsch- und Lateinlehrer jetzt vorstellt und die der Bayerische Landesverein für Heimatpflege herausgibt. „Die Schnaderhüpfel-Anatomie“ lautet der Titel der Dissertationsschrift. Doktorvater ist kein geringerer als Bayerns „Dialektpapst“ Ludwig Zehetner.
Schnaderhüpfel, das stellt Daller gleich zu Beginn des Gesprächs klar, ist ein anderer Begriff für Gstanzl. Genaugenommen ist es der ältere Begriff für die vierzeiligen Verse, die landauf, landab auf Hochzeiten, Kirchenfesten und in Wirtshäusern gesungen wurden. Etwa um 1700, so Daller, seien die ersten Schnaderhüpfel im deutschen Sprachraum nachweisbar, die dann ab 1950 nach und nach als Gstanzl bezeichnet wurden. „Ist halt weniger sperrig als Schnaderhüpfel“, erklärt er.
Die Doktorarbeit Dallers ist eine linguistische Arbeit im Fach Germanistik, in der er sich mit dem Satzbau in den Versen beschäftigt, und damit, wie dekliniert und konjugiert wird, damit der Rhythmus in den Volksmusik-Strophen aufgeht. Aber auch mit der Musikhistorie hat er sich beschäftigt und unter anderem mit der Frage, woher das Wort Schnaderhüpfel überhaupt kommt. Eine „Schnadern“ sei ein freches Mundwerk, und das „hüpfel“ weise eindeutig auf den Tanzboden hin.
Kritisch, spöttisch, anzüglich – Gstanzl können vieles sein, sogar nachdenkliche gibt es, etwa wenn in den Versen eines Toten gedacht wird (siehe Kasten). „Die Kunst beim Gstanzl ist es, in wenigen Worten eine Geschichte zu erzählten, die auf mehreren Ebenen funktioniert“, sagt Daller. Doch viele gibt es nicht mehr, die diese Tradition weiterführen. Am lebendigsten, sagt Daller, sei das Gstanzl-Singen noch in Franken und der Oberpfalz, wo auf Kirchweih-Festen Gstanzl zum Besten gegeben werden.
Grundsätzlich aber muss er feststellen, dass es mit der Gstanzl-Singerei in den vergangenen 20 Jahren immer weniger geworden ist. „Als ich 17 oder 18 war, wurden im Wirtshaus immer mal wieder Gstanzl gesungen“, sagt er. „Das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr.“ Und auch sonst kommt er im Alltag mit den Volksmusik-Vierzeilern nicht mehr in Berührung. „Ich bedauere das sehr. Denn es ist wieder ein Stück Tradition, das verschwindet, und das bedeutet eine weitere kulturelle Verarmung.“
Kampflos möchte Daller diese Entwicklung nicht hinnehmen. Auch wenn er selbst nicht auf die Bühne zurückkehren will, gibt es Überlegungen im Heimatpflege-Verein, Seminare anzubieten, in denen Interessierte in der Kunst des Gstanzl-Singens unterrichten werden. Daller weiß zwar nicht, wie er das zeitlich neben Beruf und Hausbau hinbekommen soll – Vater wird er obendrein. Aber irgendwie wolle er doch seinen Teil dazu beitragen, um diese Tradition wieder mit mehr Leben zu füllen. „Ich bin der Überzeugung, dass gerade in der heutigen Zeit diese Tradition ein schönes Angebot ist, um Identität zu stiften, ohne dass ich dafür zur AfD gehen muss.“ Denn wenn man sich in seiner Identität und Kultur gut aufgehoben fühle, falle es leichter, unvoreingenommen auf andere Kulturen zuzugehen.
Wenn er morgen seine Doktorarbeit gemeinsam mit dem Landesverein für Heimatpflege vorstellt, wird Sebastian Daller auch einige Schnaderhüpfel singen. Seit Wochen probt er im Auto und daheim, ändert hier ein Wort, da eine Betonung. „Ob es funktioniert, weiß ich nicht.“ Auf den Auftritt freut er sich trotzdem.