Vier neue Softdrinks in vier Jahren: Markus Huebner (li.) und Christian Dahnke zeigen die neue Paulaner-Cola. © M. Hangen
Prost: Ein Paar stößt mit zwei frischen Mass Bier an. © Getty
München – Deutschlands Biermarkt ist so stark geschrumpft wie nie. Mit 7,8 Milliarden Litern lag der Absatz 2025 sechs Prozent unter dem Vorjahr und hat sogar die Corona-Werte von 2020 (8,7 Milliarden Liter) und 2021 (8,5 Milliarden Liter) deutlich unterschritten. Das neue Absatzminus hat das Statistische Bundesamt jetzt veröffentlicht. Bayern steht mit einem Minus von 5,4 Prozent minimal besser da. Trotzdem schließen gerade in Süddeutschland immer wieder Brauereien.
Erst vor zwei Wochen war in der Bier-Welt Niederbayerns und der Oberpfalz wieder ein Paukenschlag zu hören. Auch die Traditionsbrauereien Weltenburger und Bischofshof sind ins Schlingern geraten. Also übernimmt die Kelheimer Privatbrauerei Schneider ab 2027 beide Marken.
In einer Zeit, in der selbst Branchenriese Oettinger einen von drei Standorten aufgibt und mit der Brauerei Eichbaum in Mannheim ein weiterer Platzhirsch in Eigenverwaltung ums Überleben kämpft, trifft es mittelständische Betriebe besonders hart: „Die oberfränkische Brauerei Leikeim in Altenkunstadt hatte ihre Hausaufgaben seit Corona auf jeden Fall gemacht, musste nun aber trotzdem Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung stellen“, sagt Walter König, Geschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds. „Sie hatte alkoholfreies Bier und Erfrischungsgetränke auf den Markt gebracht, in eine Dosenabfüllanlage investiert sowie ihr Gastro- und Export-Portfolio erweitert. Aber das hilft alles nix, wenn der Markt unter den Füßen wegbricht.“
Für die Familie Leikeim, die die Brauerei seit fast 140 Jahren betreibt, und 100 Mitarbeiter steht alles auf dem Spiel. Die Herausforderungen am Biermarkt seien seit Jahren anspruchsvoll, hieß es. Der Bierkonsum gehe zurück, die Kosten stiegen und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie belasteten zudem.
Wer den Fuß in neue Marktsegmente bekommen will, muss dranbleiben. Der Verband Private Brauereien kündigte an, dass etwa 80 Prozent seiner Mitglieder heuer neue Investitionen tätigen werden. Denn wo die Lust auf klassisches Bier schwindet, muss etwas anderes den Kundengaumen kitzeln: alkoholfreies Bier, Mischgetränke wie Radler oder Erfrischungsgetränke wie Limo. Seit Dezember bietet etwa auch die Landbrauerei Schönram aus Traunstein alkoholfreies Helles an. „Es wird Abwanderungen im Bierbereich nicht auffangen“, sagte Braumeister Markus Kampf zum Start. „Aber der Trend ist da und als Brauerei wäre es fatal, künftig ein Viertel des Marktes nicht bedienen zu können.“
So denken viele Brauer nun auch in Sachen Softgetränk. Die Zahlen lassen sich schwer erfassen, Mustafa Öz, Landesbezirksvorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Bayern, aber spricht von einem „Wahnsinnsabsatz“, der in den letzten Jahren stetig wachse. „Fast jede Brauerei versucht, die Trendwelle mitzureiten und ihr Angebot um Limo, Schorle & Co. zu erweitern.“
Am Angebot der Münchner Paulaner Brauerei lässt sich das beobachten: Deren Spezi gibt es seit 1974 – als einziges Paulaner-Produkt verzeichnet er seit zehn Jahren Wachstum im zweistelligen Prozentbereich. Mehr verrät der Konzern nicht. Seit vier Jahren aber pumpt er stetig neue zuckerhaltige Erfrischungsgetränke auf den Markt: 2022 Spezi-Zero, 2024 Limo Orange, 2025 Limo Zitrone. Ab März gibt‘s Paulaner-Cola. Seit ein paar Tagen rattert die Abfüllanlage in Langwied – mit 90 000 Dosen und 50 000 Flaschen pro Stunde.
„Auch wir spüren die Abkehr vom Feierabendbier. Wenn auch nicht in der Dimension, wie es andere Brauereien tun“, sagt Christian Dahncke, Braumeister und Produktionsleiter. „Mit unserem Ur-Produkt Spezi saßen wir über Jahre gut in dieser Nische. Da sind andere erst aufgewacht, als wir schon eine gewisse Macht hatten.“ So soll‘s weitergehen: „Cola ist der größte Softgetränkemarkt Deutschlands und Verbraucherumfragen haben gezeigt, dass die Nachfrage für Paulaner-Cola da ist.“ Bisher teilen Pepsi und Coca-Cola den Markt weitgehend unter sich auf. Doch in einer Bier-ärmeren Zukunft wollen auch Bayerns Traditionsbrauereien ein Stück vom Kuchen. CORNELIA SCHRAMM